Markus‘ spirituelle Impulse – mehr Tiefgang auf der Höhe

Als Auftakt bevor es losgeht, ein unglaublich tiefsinniges Zitat von Erich Kästner, das auf alle wirklich tiefergehenden Texte und damit auf alle biblischen Erzählungen zutrifft:

Ob genau so passiert oder nicht, das ist egal, wichtig ist, dass die Geschichte wahr ist.

Erich Kästner

Von unserem Vereinsmitglied Markus Grünling

# 15 Das Fest der Suchenden und Zweifelnden

Gibt es das, ein Fest für alle Suchenden, ja sogar ein Fest für alle Zweifelnden? Klar, und gäbe es keins, so müsste sofort eines erfunden werden! Mensch sein, nicht anders wie Christ sein, besteht ja aus einem ständigen Such- und Werdeprozess, fertig ist da keine und keiner. Wie üblich gehen die Wege über ‚trial und error‘, über Versuch und Irrtum, über hell und dunkel. Manchmal ahnst du den Stern, manches mal siehst Du nur das Dunkel und oft nicht einmal das.

Was hier – ich weiß, ich weiß – ein wenig gestelzt klingt, kleidet Matthäus in eine wunderschöne Geschichte, einen Midrasch, also eine Lehrerzählung, eine Ausschmückung, eine Vertiefung zu jener Stelle aus dem Buch Numeri, wo es heißt: ‚Einen Stern sehe ich aufgehen über Jakob‘. Es ist die bekannte Erzählung am Beginn seines Evangeliums von den Sterndeutern. Suchende sind es, Heiden dazu, aus dem Osten kommend, ex oriente – vom Sonnenaufgang her, aus dem Hellen.

Und auch sie lernen dazu. Weder im Palast des Herodes, noch in den Hallen der Reichen, gut Gekleideten und wohl Duftenden oder bei den Satten und Gesetzten finden sie ihn. Ebensowenig bei den Schriftgelehrten, den Doktoren und Professoren, den Studierten und Einflussreichen, bei Bischöfen und sonstigen in seltsamen Gewändern und mit Narrenkappen. Auf zum nächsten Versuch. Im Kleinen, Verachteten, Gewöhnlichen, Normalen entdecken sie ihn. Ein schreiendes Baby, Kind zweier Flüchtlinge. Und darüber der Stern. Nun, was für uns harmlos tönt, nahe an einer Idylle, war damals Provokation. Über dem Bild des römischen Kaisers nämlich, befand sich auf jeder Münze ein Stern als Zeichen seiner „göttlichen Herrschaft“. Hier dagegen, in einem unmündigen Baby in Windeln, so die ironisch-freche Erzählung, beginnt eben keine andere “Herrschaft“, sondern ein Umsturz, eine Umwertung aller gängigen Werte – politisch, sozial, religiös.

Dies bedeutet Mensch-sein, quer durch alle Kulturen, Religionen, Agnostiker oder Atheisten: sich immer neu auf die Suche machen, das Segel unserer Sehnsucht entrollen, um uns damit hinaustreiben zu lassen, weit über die Horizontlinie des Bekannten oder Erwartbaren. Dies will ChristIn werden heißen, mir mein Bild von Gott immer und immer wieder zerbrechen lassen, nicht am Alten hängen, an alten Bräuchen, Worten,Liedern. Nicht den Stets-Anderen mit der Gewohnheit, dem Althergebrachten, gar dem Musealen verwechseln. Neu anfangen, immer wieder, immer wieder von unten, und von noch weiter drunten. Kein Fortschritt, höchstens eine Eintiefung, meist aber nur die ständig größer werdende Herausforderung zu einer je größeren Einfachheit, einem noch schlichteren Vertrauen.

Sein Licht zeigt sich oft, gerade, meist? – im Entzug. Vom ‚dunklen Licht‘ sprechen die Mystiker, dessen Glanz alle Helligkeit überstrahle … Jeder Zweifel, alles Suchen, noch Verzweiflung, Ausweglosigkeit, ja Absurdität ein Schritt dahin. Grund genug also für ein Fest, ein großes Fest der Sucherinnen und Zweifler, ein Fest des Mensch-Werdens auf dem Weg für alle ohne Unterschied. Folgen wir dem Sehnsuchtsstern, wohin immer er uns führen mag, damit wir das Staunen nicht verlernen…

„Beten ist der Pulsschlag Gottes, der in der schlichten Seele eines Menschen strömt, die im Vertrauen zu Gott lebt. Jener starke, doch ruhige Pulsschlag Gottes, der in der Stille des Herzens gehört wird, sammelt im Überschreiten von Raum und Zeit alle WahrheitssucherInnen.“

Ichiro Okumura

# 14 Der Stern

In diesen Tage kann man es wieder mal im Fernsehen hören, in Zeitungen lesen oder in Planetarien: bestaunen: Das Geheimnis um den „Stern von Bethlehem“. Ob er mit einer Konjunktion von Jupiter und Saturn zusammenhänge, wie gerade dieses Jahr zu beobachten, die es auch 7 vor Christus gegeben habe, etc…Das ist natürlich alles Quatsch, Blödsinn und Nonsense!

Wieso ich so etwas keck behaupten kann?

Nun, die Kindheitsgeschichten bei Matthäus und Lukas sind keine Berichte oder gar Tatsachenschilderungen, sondern sie sind im besten Sinne theologische Poesie. Poesie allerdings mit einer klaren Verkündigungsabsicht: In diesem Jesus ist das absolut Neue, Unverrechenbare erschienen. Solche Kindheitgeschichten sind aus der Bibel – etwas von Moses, der in einem Binsenkörbchen ausgesetzt wird (zurückgehende auf die Namensdeutung von ‚Moses‘: Der aus dem Wasser gezogene) oder Samuel, der das Hören auf Gottes Wort als Kind erst zu lernen hat (ebenfalls ausgehende von seinem hebräischen Namen Schemu – El: Er hört auf Gott) – wie von römischen Kaisern oder anderen berühmten Personen allgemein bekannt.

Wie, Du willst uns also wirklich sagen es gab weder einen Verkündigungsengel noch eine „Jungfrau“ Maria, keine Hirten im Stall, kein Bethlehem, keine Magier, kein Stern, keine Krippe, weder Ochs noch Esel? Genau so ist es! In unserem historisch naturwissenschaftlichen Sinne – der sich ja erst ab dem 18/ 19. Jahrhundert herausgebildet hat –  gab es all das nie. Das lässt sich auch leicht daran erkennen, dass die ersten 3 – 4 Jahrhunderte  Weihnachten von ChristInnen nicht gefeiert wurde. Es gab dieses Fest schlicht nicht. Das Weihnachtsfest entwickelte sich historisch betrachtet aus der Auseinandersetzung der jungen Kirche mit dem Sternen- bzw. Sonnenkult, der in Ägypten, im römischen Reich wie in den Ländern des Nordens vorherrschend war.

Die Kirchenmütter wie – väter wurden nicht müde zu betonen, dass weder Sterne, noch Mond oder Sonne Götter seien mit Einfluss auf das Leben der Menschen, sondern allein Christus, die „wahre Sonne der Gerechtigkeit“.

Zu Hilfe kam ein Zufall: Der Feiertag der Juden war der Sabbat, der Römer der darauffolgende Tag, der dem Saturn geweiht war (siehe Saturday im englischen). Die Christen feierten nun am ersten Tag der Woche, einem stinknormalen Werktag, der zufällig der Sonne geweiht war, eben dem >Sonn-Tag<. Nun wurde im damaligen Römischen Reich der Kult der Sonne als „sol invictus“ als unbesiegbare Sonne immer mehr zum Hauptkult mit dem Feiertag am 25. Dezember. Um das 4. Jahrhundert, die Verfolgung der Christen ebbte ab, ja das Christentum wurde in der konstantinischen Wende zur Staatsreligion erhoben, entstand dann das neue Fest, um den alten Sonnenkult aufzusaugen, umzudeuten, zu integrieren.

Aber der Stern, werdet ihr fragen, der Stern von Bethlehem – hat er denn keine Bedeutung? Im Gegenteil! Jede Münze im Römischen Reich zeigte über dem aktuellen Kaiser einen Stern, um damit bildlich anzuzeigen, dass der Kaiser von Gott auserwählt und bestätigt sei. Wenn Matthäus also über dem nackten Kind im Stall einen Stern erscheinen lässt, dann stellt er damit die Behauptung auf, dass nicht der Römische Kaiser, dass keine weltliche Macht oder Gewalt, sondern dieses wehrlose Baby der wahre Herrscher der Welt sei!

Das wussten damals alle gut zu lesen und haben sich sicher vor Lachen den Bauch gehalten. Welche Chuzpe! Welche Frechheit! Und welch eindrückliches Bild, um auszusagen, wer er sei… Kein Wunder also, dass diese Bilder fortwirken bis heute.

#13 Die Krippe in Heidelberg

Wie wir schon gesehen haben, sind viele der Weihnachtsbräuche eher jüngeren Datums. Nicht anders verhält es sich mit dem Brauch eine Krippe aufzustellen. Erfunden hat diesen Brauch Franz von Assisi im 13 Jahrhundert, als er – mitten im Wald – zur Feier von Weihnachten eine mit Heu gefüllte Krippe aufstellen ließ, samt echten Tiere und eine kleinen Puppe im Stroh. Dabei ging es ihm nicht um irgendeine „Art von Idylle“, sondern darum, die Einfachheit, ja die Armut Gottes sichtbar vor Augen zu führen. All den Armen außenrum, ihn einbegriffen, war das ein sprechendes Zeichen.

Der Weg führt direkt von der Krippe an Kreuz: Jesu Weg war nie eine Idylle. Hatte mit satter Bürgerlichkeit nichts zu tun. Auch wenn es heute anscheinend Konsens zu sein scheint, dass Weihnachten ein >Fest der Familie< sei, so schüttelt sich da jede, die auch nur einen Blick in die Bibel geworfen hat. In der Nachfolge Jesu verlieren gerade die üblichen Bindungen an die Familie, die Sippe, den Stamm oder die Nation ihre Bedeutung. Durch die Taufe werden alle „Kinder Gottes“: frei, unabhängig, stolz, wiedergeboren ins Neue. Die Familie zählt dabei eindeutig zum Alten. So wie es auch die Evangelien schildern, in denen sich Jesus immer wieder und sehr klar von seiner Familie absetzt. „Dies hier sind meine Mutter und mein Vater, die auf mein Wort hören!“, sagt er etwa, als seine Mutter wie seine Familie ihn  herausrufen. Eine absolute Unerhörtheit, eine Skandal, eine Unziemlichkeit ersten Ranges bis heute in einer orientalischen Gesellschaft!

Daran also liegt es, dass uns die meisten Krippen, sei es auf einem Weihnachtsmarkt, in den Kirchen oder privat in unseren Häusern meist kitschig, ja sogar etwas verlogen vorkommen: Sie behaupten eine Idylle, die es nie gab. Um einigermaßen authentisch zu wirken, sollte da zumindest ein Bruch deutlich sichtbar sein. So wie in der Jesuitenkirche in Heidelberg, wo seit Jahren mit den Insassen eines Gefängnisses stets aktuelle neue Figuren um eine Stadtkrippe herum entworfen werden. Dieses Jahr etwa trägt der Engel, der über dem Turmartigen Gefängnis voller Gitter, aus denen Händen nach der Freiheit greifen und sich Füße nach Sonne sehnen, schwebt, über seinem Gesicht eine Pandemiemaske. Vor dem stilisierten Gefängnis hält die Figur einer Justitia, der Gerechtigkeit zwei Waaagschalen in ihren Händen. Zu Boden sinkt jene Schale, in der ein zusammengekauertes Kind sitzt, mit der Beschriftung: Mißbrauchopfer. Nach oben steigt die Schale mit einer fetten Figur in Bischofsklamotten.

Auch hier braucht es, wie bei der Krippe von Franz damals, keinerlei erläuternde Worte. Und wie sieht die Krippe, der Baum bei euch, bei ihnen daheim aus? Finden sich da Brüche, die den Gekreuzigten, den Heiland der Armen und Ausgegrenzten sichtbar machen? Bei uns daheim finden sind auf einem Tuch am Boden kleine, etwa 7 cm hohe bemalte Tonfiguren aus Peru. Eine andere Kultur. Mit Hüten wie sie in den Anden von armen Bauern getragen werden. Maria und Josef in den Kleidern der Andenbewohner, ein Lama neben Ochs und Esel.

In unserem Baum grinst, neben kleinen mit traditionellen Motiven gravierten Kürbissen aus Peru eine „Weihnachtsmaus“ frech aus dem Grün. Ganz oben schwebt ein Engel mit schwarzem Gesicht, gefertigt in einer Kooperative in Südafrika aus gebrauchten Teebeuteln. Wir brauchen uns nicht unserer Sehnsucht nach dem Heilen, Ganzen, nach dem ganz Anderen zu schämen, die gerade an Weihnachten so stark aufleuchtet. Aber wir sollten sie nicht im Unwahren, im Kitsch oder in der Idylle suchen, sondern eben und vor allem auch dort, wo es dreckig, gemein und fies zugeht.

Gott wurde Mensch in dieser, unserer Welt, wie sie ist.

Vielleicht findet sich das wieder in einem Halbvers von Hilde Domin, die schreibt: Aus Dunkelheit Glanz schälen“.

# 12 Zwischen den Jahren

Schlafwandlerisch benutzen wir diesen Begriff aus uralter Zeit: „Zwischen den Jahren“. Er meint die Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, präzise die elf Tage und zwölf Nächte dazwischen. Sie bezeichnen jene Lücke, die zwischen einem Mond- und einem Sonnenjahr entsteht.

Für unsere Vorfahren jedoch bedeuteten sie weit mehr als ein kalendarischer Einschnitt. Die Nächte vor allem werden als Raunächte bezeichnet. Sie galten als durchlässig für die ‚andere Welt‘, seien es Odins wilde Horde oder für die Toten. In diesen dunklen Nächten wurde Bilanz gezogen – „Wie war das letzte Jahr? „- und nach vorne geschaut: „Was wird das nächste alles bringen?“ Aus dem Verlauf dieser besonderen Tage und Nächte, so glaubte man, ließen sich Schlussfolgerungen auf die kommenden zwölf Monate ziehen.

Allerlei heidnischer Schutzzauber galt dieser Zeit. Das Verbrennen von Fichtenharz im Haus oder das Aufhängen von immergrünen Zweigen, Misteln oder ähnlichen galt als Schutz vor allem Ungebetenen. Man kann sich leicht ausmalen, dass die Kirchen im 15. und 16.Jahrhundert alles anders als begeistert waren, als zuerst im Schwarzwald und im Elsass der Brauch aufkam, sich Tannenbäume zu Weihnachten ins Haus zu holen. Zu klar lag deren heidnischer Hintergrund allen vor Augen. Aber wie so oft war das Volk und dessen Sinn für Symbole stärker als die verkopften Theologen. So verbreitete sich der Brauch zuerst in evangelischen Gegenden vor allem im Bürgertum, um von dort dann auch fröhlich zu den KatholikInnen überzuschwappen.

Den letzten Dreh allerdings erhielt der Kult um den Weihnachtsbaum, in dem sich der Lebensbaum unschwer erkennen lässt, in den Tagen des 1. Weltkrieges. Um die Moral der Soldaten in den ebenso brutalen wie sinnlosen Grabenkämpfen zu heben, ließ Kaiser Wilhelm hunderttausende Fichtenbäumchen an die Front schicken. Die Überlebenden brachten diesen Brauch dann mit und seit dieser Zeit ist der Weihnachtsbaum fester Bestandteil des religiösen Brauchtums geworden. Ein relativ neuer Brauch also, wie man sieht. Nicht anders verhält es sich übrigens mit dem Adventskranz. Er wurde um 1830 im sogenannten „Rauhen Haus“ in Hamburg, einem Ort für Waisen- und Straßenkinder, zum ersten mal eingeführt. Das langsame Anwachsen des Lichterglanzes sollte den Kindern das Warten auf Weihnachten erleichtern.

Wenn wir uns also fragen, weshalb Weihnachten, das als Fest ja spät entstanden ist, Ostern den Rang abgelaufen zu haben scheint, dann liegt es zum einen sicher am Symbol des kleinen Kindes und des Neuanfangs, das allen und jeden zugänglich ist. Zum anderen sicher an der Anbindung so vieler heidnischer Bräuche, die tiefer in uns verwurzelt sind, als wir meist glauben. Nicht zuletzt spielen die Mystikerinnen eine tragende Rolle, die ab dem 12. Jahrhundert beim Gang nach innen, immer mehr die eigene Gefühlstiefe erkundeten. Frauen waren dabei Weg bereitend: Birgitta von Schweden, Mechthild von Magdeburg, die Begine Marguerite Porete, und in deren Spuren Meister Eckhardt, der von der Geburt Gottes im eigenen Seelengrund spricht.

„Wird Gott auch tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in Dir o Christ, so bleibst Du doch verloren“ dichtet dann schon im Barock „Angelus silesius“, Johannes Scheffler in Böhmen.

# 11 Weihnachten

die weihnachtsgeschichte von „Paul auf den Bäumen“

der nach seinem ausbruch aus der anstalt durchs land streift und die nächte hier und dort verbringt

zum beispiel habe er also

den vorletzten heiligen abend

in einem leeren fahrenden güterwagen verbracht

und um die nacht zu verteilen und den schlaf zu vergessen

habe er in völliger dunkelheit

so beschwört er

mit kreide

auf die vier inneren wände des güterwagens

alles was in ihm gewesen

draufgeschrieben und gekritzelt

beschwört er

immer ohne zu wissen was er nun schreibe

und ob es anderntags leserlich sei

bis alle wände

er habe sie mit der hand abgetastet

voll kreide und schrift gewesen

dann wäre er eingeschlafen

und sei am morgen erwacht

irgendwo in der welt zwischen brisbane und stavanger

und er habe die tür geöffnet

und licht

sei geworden und auf den wänden

voll lebenszeichen und hilferufen

wutausbrüchen und sanftmut

und jahreszahlen

habe auf einmal gestanden

überall

hinterundübereinanderundunterunddurcheinanderundüberall

sogar an der decke des wagens und auf dem boden

die er beide gar nicht beschrieben

beschwört er

habe auf einmal deutlich zu lesen gestanden

fürchtet euch nicht

und wäre nicht wegzuwischen gewesen 

Hanns Dieter Hüsch

Es gibt allerdings so manchen Grund, sich zu fürchten in diesem Jahr, so schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung zu 60 Jahren Deklaration der Menschenrechte: „Staaten haben Botschafter mit Schlips und Kragen. Die Menschenrechte haben auch Botschafter, nur kommen die meist nicht so elegant daher – es sind die Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie sind die Botschafter des Hungers, der Verfolgung, des Leids. … Europa will von dieser Depesche nichts hören und von den Botschaftern nichts sehen. Die europäischen Außengrenzen wurden so dicht gemacht, dass es dort auch für Humanität kein Durchkommen mehr gibt.

Heribert Prantl, Sueddeutsche Zeitung

Manchmal werden tote, manchmal werden lebende Flüchtlinge an den Küsten Andalusiens oder Griechenlands angespült. Das Mittelmeer ist ein Gottesacker geworden für viele, die sich auf den Weg gemacht haben. Manchmal bleibt ein Stück Flüchtling hängen an den Stacheldrahtzäunen … es lockt die Sehnsucht nach einem Leben, das wenigstens ein wenig besser ist.“ Fürchtet Euch nicht – oder vielleicht doch? Ich bin mir darüber von Jahr zu Jahr weniger im Klaren.

Vielleicht ist dieses Kind auch gar nicht so siegessicher und fürchtete sich ebenfalls sehr? Und ist auch darin uns so ganz und gar gleich geworden? Und vielleicht erschrickt auch Gott und weint mit uns …

Wer sich nicht fürchtet, sich nicht erschreckt, nicht mehr weinen kann – der braucht das Kind wohl nicht. Jenes Kind, liegend auf nacktem Boden in einem der Flüchlingscamps auf Lesbos, nachts von Ratten angenagt, tags von Kälte und Nässe bedroht…

# 10 Geweihte heilige Nacht

JAHWE macht Dunkelheit zu seinem Versteck… (Psalm 18, 12)

>Weihnacht< bedeutet nichts anderes als geweihte, heilige Nacht. Mitten im Dunkel kommt jener, der verheißen ist, geschieht das Wunder, nimmt sich das Geheimnis seinen Raum. Dort, im Dunkel der Nacht lenkt nichts ab, keine Farben, kein Lärm. Man schaut genauer, um wenigsten Umrisse zu erkennen, man hört schärfer hin, um die leisen, gewisperten Töne wahrzunehmen. Nur so kann die Sehnsucht nach dem Licht wachsen, nach dem einen Wort, das mir gilt, der Berührung, die mich meint. Es braucht das Dunkel. Damit das Licht aufscheinen kann. Damit ich den Stern entdecken kann, der mir den Weg weist. Tastend nach einer Hand, die mich hält. Gott kommt nicht im hellen Tageslicht zur Welt – im Gegenteil, er hat sich die Dunkelheit als sein Versteck gewählt, bewohnt das Dunkel. Welch Zuversicht. Die Finsternis ist nicht gottlos, sondern birgt in sich eine schwer beschreibbare Gegenwart.

Das Dunkel bleibt, in jedes Menschen Leben mal deutlicher, mal eher am Rande wahrnehmbar. Aber noch in Verlorenheit, Trauer und Angst ist jemand zu Hause, auch wenn wir das Gefühl haben allein zu sein, weil wir nichts und niemanden spüren.

Viele Mystiker sprechen davon, dass dieses „brennend-kalte Nichts“, dessen Hauch uns frösteln lässt und innerlich schwarz ansengt, die Hülle seiner Gegenwart sei. Wenn sich da wirklich jemand verbirgt, dann braucht mir die Nacht keine Angst mehr zu machen. Dann kann ich zu dem und mit dem sprechen, der auch und vielleicht gerade dort haust, wo es am unwahrscheinlichsten erscheint, im dunklen Abgrund. So lässt sich die Nacht aushalten, ja ich kann mich der Nacht und dem Dunkel überlassen, mich ihr geben, im Vertrauen darauf, dass sich aus „Dunkelheit Glanz schälen“ lässt. Damit sind wir nahe beim Kern der Weihnachtsbotschaft, Gott ist im Dunkel meiner Nacht, und das macht auch meine Nacht zur ‚heiligen‘ Nacht.

Nicht nur damals, nein noch immer kommt er zur Welt, in jeglicher Nacht seine unaufdringliche Nähe, jene Dunkelheit, deren Glanz alles Licht überstrahlt.

# 9 Der heruntergekommene Gott

„Papa, wo wohnt eigentlich Gott?“, fragt die kleine Lia ihren Zeitungslesenden Vater. „Gott? Im Himmel natürlich“, antwortet der. „Na, dann geh ich mal nach ihm schauen“, sagt Lia und stampft aus dem Wohnzimmer Richtung Haustür. Was dem Papa ganz recht ist, dann kann er nämlich in Ruhe seine Zeitung weiter lesen.

Vor der Haustür legt Lia den Kopf in den Nacken. Der Himmel, das ist ja schon mal was, denkt Lia. Den kann man nämlich sehen. Der kann also nicht so weit weg sein, wie China zum Beispiel, das man nicht sehen kann. „He“, ruft Lia nach oben, „bist du da?“ Keine Antwort. Na, ja, denkt sie, vielleicht muss ich dem Himmel ein bisschen näher kommen. Am Kirschbaum lehnt immer noch die Leiter vom Kirschenpflücken im Sommer. Die Mutter hat zwar etwas dagegen, dass sie da hoch steigt. „Du brichst dir noch alle Knochen“, sagt sie und der Papa auch. Aber das ist natürlich Quatsch. Lia ist eine gute Kletterin. Und so steigt sie nach oben, Ast für Ast, bis dorthin wo sich die Äste so verzweigen, dass sie sich in die Astgabel setzen kann, wie in einen bequemen Sessel.

Lia legt wieder den Kopf in den Nacken. Gar nicht so leicht, weil man das Gleichgewicht halten muss. Sie hält sich fest, guckt und ist enttäuscht. Der Himmel ist kein Stück näher gekommen. Offenbar will Gott gar nicht, dass man ihn besucht.

Enttäuscht guckt sie runter auf die Straße, die eigentlich keine richtige Straße ist mit Asphalt und so, sondern nur ein Sandweg mit lauter Pfützen. Mama ärgert das, weil das Auto immer so dreckig wird, aber Lia findet es gut, weil man mit Gummistiefeln rein springen kann. Und gerade als sie daran denkt, die Gummistiefel raus zu holen, sieht sie es: den Himmel. Er ist unten!

In den Pfützen spiegeln sich die Wolken und der Himmel leuchtet blau. Gleich ist sie unten und sitzt neben der größten Pfütze. Ganz ruhig. Sie bewegt sich nicht.  Irgendwo hier wohnt also Gott. Und was sie sieht gefällt ihr: Ein toter Marienkäfer, den sie nachher begraben wird. Eine Meise, die herbeihüpft und zwei Schlucke trinkt, ihr Gesicht, das fasziniert lächelt. „Du bist schlau“, sagt sie zum Marienkäfer, oder zur Meise, oder zu den Wolken, die sich in der Pfütze spiegeln und meint Gott, der zu uns herunterkommt,„ich würde den Himmel auch auf die Erde tun. Da kommt man viel besser dran. Da oben in den Wolken, das ist doch nichts.“

„Na Lia, was machst du Schönes?“, posaunt auf einmal die Stimme von der Nachbarin, Frau Mückenbier. Lia erschrickt, so dass sie fast in die Pfütze fällt und sagt: „Ich gucke mir den Himmel an“. Frau Mückenbier lacht. „Aber Schätzchen, der Himmel ist doch da oben!“ „Ja“, nickt Lia nachsichtig, „das habe ich auch mal geglaubt…“

Da sitzt sie die kleine Lia neben ihrer Pfütze. Ich setz mich etwas zu ihr und schau in die Pfütze rein. Gibt es auch bei mir. Mein Leben ist keine asphaltierte Straße, keine Autobahn. Es gibt Schlaglöcher. Es gibt Schlamm und Dreck. Ärger und Streit, Versagen und Wut und Enttäuschung, Vergeblich und Umsonst, Angst und Trauer, Resignation und Verzweiflung. Ich schau die Pfütze meines Lebens an und entdecke mit Lia: darin spiegelt sich der Himmel. 

Vielleicht geht es uns manchmal ähnlich wie Lia und wir entdecken den Himmel samt dem heruntergekommenen Gott mitten in so mancher schlammig dreckigen Pfütze unseres Lebens. Und wenn dann die Nachbarn kommen und sagen: Schau dir doch die Welt an – wie soll es da Gott überhaupt geben. Und wenn es ihn gibt, dann wohnt er bestimmt nicht hier unten, sondern ganz weit weg, hat mit dieser Erde nichts zu tun, thront höchstens ganz weit dort oben…

Tja, dann können wir wie Lia nachsichtig lächeln und mit Blick in die Pfütze unseres Lebens sagen „das hab ich auch mal geglaubt“, und so wird Weihnachten. Geschieht Menschwerdung.

(Nach „Als Lia den Himmel fand“, in: Susanne Niemeyer, Jesus klingelt, Neue Weihnachtsgeschichten, Freiburg i. Br. 2014)

# 8 Von Neugeburt zu Neugeburt

An Weihnachten feiern wir die immer neu unerwartbar erfinderische Liebe Gottes zu uns. Kein Wunder, dass Johannes sein Evangelium mit einem Schöpfungslied beginnen lässt. Die Begriffe die darin – der spiralförmigen Neugeburt einer Galaxie im All ähnlich –  umherwirbeln, sind Wort, Licht, Leben, Geist, Herrlichkeit und Gnade.

Exakt diese Begriffe benutzte damals auch die ‚Gnosis‘, die dem Christentum den Rang abzulaufen drohte. Diese Bewegung betonte den Vorrang des Geistes vor der Materie, der Vernuft vor dem Leib, des Intellekts vor der Sexualität. Ehe, Natur, Liebe galten als sekundär, ja minderwertig.

Und was macht nun unser Schelm Johannes? Mit einem frechen Grinsen im Gesicht nimmt er die selben Worte, nur um damit genau das Gegenteil auszudrücken: „Der Logos (das Wort, die Vernunft, das Gespräch) wurde Fleisch und hat unter uns gezeltet!“ Eigentlich kann es auch nicht anders sein: Wo Gottes Wirken auf menschlich- allzumenschliches trifft, gar selbst „Fleisch wird“, sich leibhaft in unsere Welt einmischt, da entsteht automatisch Komik, Witz, Ungleichgewicht, schallendes Gelächter samt Lachtränen…Gott wird einer von uns und „hat unter uns gezeltet“, wie es im Griechischen wörtlich heißt. Das Zelt spielt auf die Bundeslade im 1. Bund an, die in einem Zelt mit dem Volk Israel mitzog.

Deshalb auch nennt Lukas in seiner Apostelgeschichte die ersten ChristInnen die „Leute des neuen Weges“! Nicht der uralten Tradition, der ewigen Wahrheit, des immer Gleichen…Im Zentrum von Weihnachten steht ein kleines Kind, Symbol für den Neuanfang. So jubelt Johannes in seinem Prolog: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht Kinder Gottes zu werden, …allen, die aus Gott geboren sind.“

Im Fest von Jesu Geburt leuchtet uns die Verheißung auf, selbst immer wieder neu geboren zu werden. Wir sind nicht festgelegt, festgenagelt auf unsere Vergangenheit, auf das was gestern war. All das ist im Wasser der Taufe, in der Vergebung Gottes, ein für alle mal erledigt. Wir sind Menschen eines immer neuen Anfangs.

Exakt dies meint auch Paulus, wenn er in seinem Briefen immer wieder schreibt, dass wir als ChristInnen eine „neue Schöpfung in Christus“ seien.Vielleicht haben das wenige in der Geschichte des Christentums so erlebt und verstanden wie Franz von Assisi. Auf ihn gehen die meisten unserer heutigen Weihnachtsbräuche zurück. Als erster hat er eine Krippe draußen im Wald, nicht etwa in einer Kirche, aufbauen lassen, samt Ochs und Esel wie einer Puppe im Stroh. Inmitten einer Kirche, die an Reichtum, Macht und Gewalt zu ersticken drohte, begann er eine Gemeinschaft von Frauen und Männern ins Leben zu rufen, die alle gleich waren, wo dem Kleinen alle Aufmerksamkeit galt. Weihnachten, das Fest der Neugeburt Gottes in jedem Menschen. Wir dürfen und können neu beginnen, Tag um Tag.

Wir werden neu geboren, in jedem Lebensalter, sollen lebendig sein, offen, neugierig, humorvoll und allem Kleinen zugeneigt bis hinein ins hohe Alter.

Gibt es ein passenderes Fest als dieses in diesem Jahr 2020, das so viele alte Gewissheiten erschüttert, so viele Gesellschaften durcheinanderwirbelt, nicht zuletzt die Religionen und Kirchen herausfordert zu Neuem?

Wer weiß, vielleicht entpuppt sich ja dieses „sehr spezielle Jahr“ in der Zukunft als der Wendepunkt, an dem sich das Neue zu verpuppen begann?

# 7 Das neue Erzählen – Episode IV

Urwirbel Johannes – Neues im Alten erzählen

Was wir bei Markus in den Jüngerberufungen, bei Matthäus in seinem Stammbaum und bei Lukas im Symbol der Jungfrauengeburt gesehen haben, nämlich die Idee einer Neuschöpfung um das Unsagbare, das mit Jesus kam, auszudrücken, das finden wir verdichtet bei Johannes. Denn sein Evangelium beginnt  mit einer neuen Schöpfungsgeschichte: „Im Anfang“. So wie auch das Buch Genesis beginnt: „Im Anfang schuf Gott“.

In diesem so genannten ‚Prolog‘ glänzt viel mehr als eine Einführung auf, vielmehr eine weit mäandernde Meditation über die Person Jesu. Das Zentrum, worum alles tanzt, wie die Sterne in einem Bild Van Goghs heißt dabei ‚logos‘. „Im Anfang war das Wort“, übersetzten die deutschsprachigen Bibelausgaben. Das griechische Wort ‚logos‘ hat eine lange philosophische Bedeutungsgeschichte, es umkreist ein weites Wortfeld, das beginnt mit ‚Wort, Verstand, Vernunft‘. „Am Anfang war die Vernunft, und die Vernunft war bei Gott und die Vernunft war Gott.“ Das Hauptwort ‚logos‘ stammt von dem Verb ‚logizomai‘, was ‚reden, sich unterhalten, sprechen‘ bedeutet. „Am Anfang war das Gespräch, und das Gespräch war bei Gott und Gott war das Gespräch. Alles ist durch das Gespräch geworden.“ Wenn wir weiter in den ‚logos‘ eindringen wollen, dann kommen Bestimmungen wie Kommunikation, Resonanz, Austausch, Überraschung mit hinzu. Wie in einem irisch-keltischen Flechtwerk beginnen die Begriffe zu wuchern, sich ineinander zu verschränken, immer neue Aus- und Einblicke zu  eröffnen.

„Im Anfang war die Kommunikation, und die Resonanz war bei Gott und Gott war die Überraschung. Im Anfang war die Überraschung bei Gott. Alles ist durch die Überraschung geworden und ohne die Überraschung wurde nichts, was geworden ist.“ Eine weitere Überraschung fasziniert uns, wenn wir bei Johannes nachschlagen, was die ersten Worte sind, die der Evangelist aus Jesu Mund kommen lässt. – Stille! – In Joh 1,36 heißt es „Als Jesus vorüberging…“. Im Vorübergehen erkennen mit dem 1. Testament aufgewachsenen Glaubenden Gott selbst, der „vorübergeht“, sein „Pas-cha“. Jesus geht also vorüber – und sagt nichts! Nach dieser fulminanten Eröffnung, nach dem kosmischen Spiralnebel um das Wort – Stille. In der Stille, im Gebet, in der Versenkung, im Schweigen der Kontemplation begegnen wir Gott in der Tiefe – so Johannes. Und die ersten Worte Jesu? Sie stellen eine Frage: „ Was wollt ihr?“ (Joh 1,38) Gott stellt uns eine Frage, er stellt uns, unser Denken, Wollen und Tun radikal in Frage. Er wirbelt alles um und um, damit auch wir zu einer neuen Schöpfung werden, Tag um Tag bis hinein ins hohe Alter.

Und die Jünger? Sie antworten mit einer Gegenfrage: „Wo wohnst du?“

Drei kurze, schlichte Worte hin und her, mehr braucht es nicht, um sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Auch das gibt uns Johannes mit: Gott, der Glaube ist nicht kompliziert, sondern einfach. Einfaches Vertrauen und ein beständiges Weitergehen, die Fragen weit schwingen lassen und wir werden staunen… denn in uns wird sich eine Neugeburt ereignen, die an kein Ende kommen wird.

# 6 Das neue Erzählen – Episode III

Wie erzähle ich anderen Kulturen von Gott – Lukas als Dramatiker

Der Beginn bei Lukas unterscheidet sich von allen anderen Evangelien. Er spricht einen gewissen „Theophilus“ an, und bezieht sich „auf andere, die auch schon von den Ereignisse, die sich unter uns ereignet haben“, berichtet hätten. Eine typische Einleitung für ein Buch in der Antike. Man spürt förmlich die Absicht des Lukas damit auch gebildete griechische Leser anzusprechen. Während in den Kindheitserzählungen bei Matthäus alles straff skizziert erscheint, baut Lukas die Szenen mit Dialogen aus, staffiert sie regelrecht zu imposanten Bildern – ja es drängt einen zu sagen – zu griechischen Theaterszenen aus.

Das unerhört Neue zeigt sich, ähnlich wie bei Matthäus, darin, dass die klassischen Rollen aufgelöst, ja auf den Kopf gestellt werden. Folgerichtig berichtet Lukas in den ersten Kapiteln seines Evangeliums von – Frauen! Von Elisabeth und Maria, deren Männer – Zacharias und Josef – kleine, unbedeutende Nebenrollen spielen. Das Neue zeigt sich in zwei schwangeren Frauen, beide in schwierigen Situationen. Um das gänzliche Neue bei Jesus wirkmächtig zu  bebildern, seine völlig Verwiesenheit und Durchsichtigkeit auf Gott, greift Lukas zum Symbol der „Jungfrauengeburt“. Aus der Religionsgeschichte ist dieser Begriff gut bekannt. Er steht für einen neuen, nicht ableitbaren, alles umworfelnden Neuanfang. Für eine neue  Schöpfung. Weder das Markus- noch das Johannesevangelium, geschweige denn Paulus wissen etwas von so einer Geburt, woran sich sehen lässt, dass es sich hierbei um eine von verschiedenen Möglichkeiten handelt, das Besondere, Einzigartige, Unvergleichliche und umstürzend Neue an Jesus symbolisch auszudrücken. Wenn uns bei Weihnachten bis heute hauptsächlich die Erzählungen von Lukas in den Sinn kommen, so führt uns das deutlich vor Augen, welch ein kongenial-plastischer Erzähler Lukas ist und welche Wirkungen er damit auslöst.

Die ersten persönlichen Worte Jesu bei Lukas befinden sich noch innerhalb dieser „Kindheitserzählungen“ im zweiten Kapitel, Vers 49: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstest ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ So der zwölfjährige – sprich religionsmündige – Jesus zu seinen Eltern. Das ist eine herbe Antwort auf die klagende Frage Marias, wie er ihnen das antuen konnte, die ihn doch drei Tage lang auf der Rückreise von Jerusalem nach Bethlehem umsonst und mit pochendem Herzen gesucht hatten. Dieser Jesus „gehört“ nicht seinen Eltern, „gehört“ nicht seinem Dorf, gehört niemandem. Er ist weder ausrechenbar noch erklärbar aus dieser oder jener Herkunft, sondern allein aus seinem Verhältnis zu Gott „seinem“ eigentlichen Vater. Diese Unabhängigkeit, diese ebenso beglückende wie erschreckende Freiheit wird viele faszinieren, viele befreien – vor allem, wie Lukas nicht müde wird zu betonen – die Armen, die am Rande, die Vergessenen und Übersehenen, die Schuldig-Gewordenen und Verlorenen. Manch‘ andere wird ebendiese ungeheuere Freiheit, diese radikale Furchtlosigkeit allem Überliefertem gegenüber so gegen ihn aufbringen, dass sein Weg von der Krippe ans Kreuz vorgezeichnet erscheint, von Anbeginn an.

Vor allem waren – und sind? – das die Frommen mit den Theologen, Priestern und Bischöfen, wenn wir es in heutigen Begriffen ausdrücken wollen. Gott als der Ewige, der Immer-Gleiche, jener, der die Ordnung garantiert, Herrschaft(en) bestätigt und schützt? Oder Gott als der alles Umstürzende, der „die Niedrigen erhöht, und die Mächtigen von Ihrem Thron stürzt“, wie es Maria im Magnificat singt? Für Lukas keine Frage!

# 5 Das neue Erzählen – Episode II

Matthäus als erster Feminist

Wagen wir einen weiteren Blick in die ersten Seiten des Matthäusevangeliums, so stoßen wir dort auf den „Stammbaum Jesu“. Eine auf den ersten ziemlich trockene, ja langweilige Aneinanderreihung von Namen, die in 14er Reihen aufgezählt werden. (Die 14 ist der Zahlenwert des hebräischen Wortes für David, als dessen Sproß er gelten soll). Aber – wie schon bei Markus – versteckt sich auch hier im scheinbar Alten das explosiv Neue! Zum einen spielt Matthäus mit seinem Stammbaum auf den ersten Stammbaum in der Bibel an: Die Schöpfungserzählung in Gen 1,1 – 2,4a. Denn dieses Lied endet in Gen 2,4a mit den Worten „Dies ist die Entstehunggeschichte von Himmel und Erde.“ Das hebräische Wort für ‚Entstehunggeschichte‘ lautet ‚toledoth‘ und bedeutet übersetzt: Stammbaum, Genealogie, Zeugungsgeschichte.

Und wie die erste Schöpfungserzählung voller Witz steckt – Israel war damals in Babylon in Gefangenschaft, dessen oberste Götter Sonne und Mond waren – und der Gott Israels „klebt“ diese Götter einfach an den Himmel, so finden wir es auch bei Matthäus. Denn schauen wir uns diesen ‚toledoth‘, diesen Stammbaum, genau an, so fallen uns vier, nein fünf Frauennamen auf: Tamar, Rahab, Rut, die Frau des Urija und – Maria.

Wie das? Frauennamen hatten damals in Stammbäumen nichts zu suchen: Reine Männersache! Dazu solche Frauen: Tamar, die sich als Dirne verkleidete, um zu ihrem Recht zu kommen; Rahab, eine Prostituierte; Rut eine Heidin wie Batseba, die Frau des Urija, eine Hethiterin, schwanger von König David, der ihren Mann umbringen ließ – und als ‚Tiefpunkt‘ Maria, die mit 13 oder 14 Jahren schwanger wurde, keiner wußte von wem …

Gott schreibt auf krummen Zeilen gerade, er hat liebevolle Augen für die Übersehenen, Nichts-Geltenden, für die am Rande und außerhalb? Ja! Aber vor allem macht sich Matthäus mit diesem Szenario ebenso unüberhörbar wie unüberlesbar über die patriarchalischen Zustände seiner Zeit lustig. Das Kommen Jesu stellt alles –  auch – die klassische Gesellschaftsrollen auf den Kopf. Nicht mehr Abraham, der weise alte Patriarch gilt als Urbild des Glaubens, sondern Maria, eine 13 oder14jährige junge Frau mit Schwangerschaftsbauch! Die Lachtränen in Matthäus Augen beim Niederschreiben dieser Unverfrorenheit können wir uns dabei geradezu bildlich vorstellen.

Gottes Kommen stülpt unser festzementierte Wirklichkeit um wie einen Handschuh, so dass das Innerste sich nach außen wendet. Zu guter Recht also dürfen wir Matthäus als den ersten Feministen bezeichnen. Die Taufe, bei der Jesus dann die ersten eigenen Worte im Matthäusevangelium sagt – „Lass es zu! Sofort“ Nur so entsprechen wir der Gerechtigkeit Gottes“ – spiegelt dann das Konkret-Werden dieser „Neuschöpfung“ wieder. Denn die Taufe bezeugt symbolisch, dass niemand alleine ein Kind seiner Familie, seiner Sippe, seine Herkunft oder Nation, Frau oder Mann, Sklave oder Freier ist! Das Untertauchen bewirkt eine Neugeburt. Alle Getaufte sind gleichberechtigte „Kinder Gottes“! In der damaligen Zeit eine ungeheuere Revolution, triftiger Grund weshalb so viele SklavInnen und unterprivilegierte Menschen aus dem ganzen Römischen Reich zu ChristInnen wurden: Sie erhielten dadurch eine unverlierbare Würde. Wurden buchstäblich „neu geschaffen, wiedergeboren“. Sie wurden durch dieses Wasser gleichberechtigtes Mitglied der „Ökumene“, ein griechisches Wort für die große, die ganze bewohnte Welt umspannenden Gemeinschaft. Was für eine Utopie  – bis heute.

# 4 Das neue Erzählen – Episode I

Markus – pioneering good news

Wenn Gott Mensch wird, wenn er zu uns kam und noch immer kommt, dann zerbricht das alle unsere Maßstäbe – seien sie emotional, verstandesmäßig, philosophisch oder religiös. Der blendende Blitz Ihrer/Seiner Gegenwart lässt uns stumm, blind, verstört und zitternd zurück. Das vergessen wir, die wir uns ChristInnen nennen leicht. Die Gewöhnung, die Zeit stumpft ab, selbst noch gegen das Allerunwahrscheinlichste…

Werfen wir einen – wenn auch sehr kurzen – Blick in die vier Evangelien, um dort nachzuschauen, wie Markus, Matthäus, Lukas und Johannes versuchen, das Unerhörte hörbar, das Allerverrückteste verstehbar zu machen. Dabei werden wir nicht zuletzt auf die Sprache achten müssen, denn dort spiegelt sich – sozusagen als sichtbarer Abdruck der Wucht von Jesu Leben – dieses unerhört Neue wieder. Beginnen wir bei Markus, dem ältesten der vier Evangelien.

Das erste, was ins Auge fällt, ist diese neue literarische Form, die er eigens „erfunden“ hat: nämlich ein “Evangelium“ zu schreiben. Das Neue, das in Jesus geschah und geschieht, schafft sich sichtbar eine neue, bis dahin noch nie vorgefundene Form. Schauen wir näher hin, so springt einem – nach der programmatischen Überschrift in Vers 1,1 – wo Markus nochmal den Anfang, die gute Nachricht (= das Evangelium) und Jesus als Christus und Sohn Gottes erwähnt – auf, dass er sich sogleich im Vers 2 auf das „Alte“ bezieht nämlich: „Wie es beim Propheten Jesaja geschrieben steht“.

Hoppsa! Haben wir nicht umstürzend Neues erwartet? Und nun – gleich am wichtigen Anfang – einen Rückbezug auf das (Ur-)Alte? Da haben wir den Salat. Erfahren wir – wo und wie auch immer – etwas grundstürzend Neues, Ungeahntes, noch nie Gesehenes – müssen wir doch, wollen wir davon reden – wohl oder übel die uns überkommene Sprache benutzen, mit ihren alten, üblichen, ausgelatschten Bildern, Worten, Verdrehungen und Verschwurbelungen. Sonst wird uns niemand verstehen können. Schon allein um für mich selbst neue Erfahrungen zu verstehen, muss ich sie – wie auch immer – benennen. Darum also zuerst der Rückbezug, wenn auch auf einen Propheten (der ja das Neue ankündet). Blicken wir noch kurz auf die ersten Worte Jesu selbst bei Markus im ersten Kapitel, Vers vierzehn: „Die Zeit ist erfüllt!“ Auch das überlesen wir schnell. Die Zeit – erfüllt? Ein kleines, lapidares Sätzchen, das doch den ganzen ungeheuren Anspruch Jesu geballt zusammenfasst: Alles was die Propheten angekündigt haben, was das Volk Israel so lange erwartet hat, erfüllt sich hier und jetzt  – in mir!

Und die erste Szene in diesem Buch, in der Jesus selbst spricht – die Jüngerberufung in den Versen Mk 1, 16-20 – skizzieren dann eine neue Schöpfungserzählung. So wie es im Buch Genesis heißt, „Gott sah, dass es gut war“, so sieht hier Jesus die Fischer in ihren Booten. Und wie Gott zu Beginn der Bibel souverän spricht „Es werde!“, so spricht Jesus souverän sein Wort „Kommt und folgt mir nach“, worauf Simon mit Andreas, Jakobus und Johannes >einfach< alles liegen lassen und Jesus folgen.

Neues wird möglich, wenn wir aus seine Stimme hören.

Dies unerhört Neue, beschränkt sich keineswegs auf die Vergangenheit, sondern – das erwarten wir heißblütig, unruhig und voller waidwunder Sehnsucht – es will immer wieder, hier und jetzt, mitten unter uns geschehen. Dass er zu uns kommen möge, um uns und unser Leben umzukrempeln, damit Neues wird, mitten im Alten, Licht im Dunkel, Frischluft im bedrückenden Mief des Üblichen…

# 3 Carefull what you wish for ! – Gottes Nähe hat Konsequenzen

In einem Buch fand ich die folgende Geschichte, die sehr berührend darauf hinweist, dass Gottes Nähe nicht immer nur angenehme Folgen haben kann:

Im Nachbarhaus zum Pfarrhof lebte eine alte Polin, die sich an einer Krücke fortbewegte, langsam im Gange, nicht übergewichtig, aber schwer. Auch wie sie sprach, war schwer, die Zunge lahmte, und die Konsonanten gerieten ihr ungelenk wie Dachse im deutschen Wald.

Sie war die einzige, die mich je in diesem Dorf in der Liturgie unterbrochen hat – indem sie umfiel, krachend auf die Bank, und das war Willkür, getarnt mit dem verzeihlichen Sekundenschlaf einer Achtzigjährigen. Sie erklärte es mir, als sie lange um den Pfarrhof schlich, weil sie mich treffen wollte: „Was haben Sie da gesagt? Nähe? Sie beteten um Gottes Nähe? Er soll nah sein? Wissen Sie, was Sie da wollen?“ …

Und sie erzählte abrupt, ohne sich meines Interesses auch nur kurz zu vergewissern: „Ich lag in einem Erdriß, im Herbst 1939. Die deutsche Wehrmacht zog heran. Mein Vater meinte angesichts des grollenden Geschützdonners, ich solle noch in dieser eine Furche die Rüben nachlesen und dann schnell nach Hause kommen …

Plötzlich sah ich vom Waldrand her die Panzer heranrollen wie stählerne Tiere. Sie bewegten sich viel schneller, als ich mir vorgestellt hatte. Ich warf mich hin, legte mich flach in das teils schon aufgepflügte Feld und betete, betete um Bewahrung, um Gottes Nähe, um seine rettende Hand. Und ich fühlte plötzlich eine seltsame innere Sicherheit – wie ein warmes Licht, das mich einschloß.

Gott ist nah, dachte ich, fühlte ich tief in mir. Wie entrückt war ich dem bedrohlichen Lärm, hörte nichts, sah nichts, war geborgen in einem Trost, der nicht von dieser Welt war. Niemand sah mich, niemand fand mich. Die Front zog über unsere Äcker hinweg wie ein Wolkenschatten …

Immer wieder“ so hauchte sie mir ins Gesicht, „habe ich mich später gefragt, was dieser Moment gefühlter Gottesnähe bedeutete. Naivität? War Gott mir damals wirklich nah? Aber was ist das für ein Gott? Auf dem Nachbarhof fanden wir am nächsten Tag alle Bewohner mit der Zunge an den Küchentisch genagelt und mit einem Genickschuß getötet, darunter meine beste Freundin …

Warum lebe ich noch und die anderen nicht? Wie konnte es sein, dass ich in der Ackerfurche lag in tief empfundener Gottesnähe, während die anderen, wenige hundert Meter weiter…

Und nun bin ich hier? Wenn Gott nah ist, geschehen Dinge, die den Menschen übersteigen. Gott ist zuviel für uns…

Keine Nähe! Hören Sie? Niemals SEINE Nähe!“

Christian Lehnert – Der Gott in einer Nuss“ Suhrkamp Verlag, ISBN: 978-3-518-42586-2

                                                                 

# 2 Adler Nikolaus – seid mutig!

Bibelvers: Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. (Jes 40,31a)

Jes 40,31 a

Meditation

Adleraugen sind unglaublich! Wie bei einer modernen Kamera können sie den Blick fokussieren und Dinge regelrecht heranzoomen. So erblickt ein Adler noch aus großer Höhe selbst winzige Details.

Nikolaus war so ein Adler. Er erblickte Unrecht von fern, eilte herbei, mischte sich furchtlos ein und gab nicht klein bei. Aber hört selber, dies ist eine der ältesten Überlieferungen, die wir von ihm kennen: Der Stadthalter von Myra hatte sich bestechen lassen und drei unschuldige Bürger zum Tod verurteilt. Nikolaus, der gerade außerhalb seiner Stadt weilte, stürzte wie ein Adler herbei, entriss dem Scharfrichter vor aller Augen das Schwert, löste die Fesseln der Gefangenen und bot sich selbst als Ersatz an. Keiner aber wagte ihm entgegenzutreten. Dann schritt er zum Palast des Statthalters und pochte laut an dessen Tor. Furchtlos hielt er ihm sein Vergehen vor, ließ sich weder durch Kniefall noch durch Abschiebung der Schuld auf untergeordnete Beamte ablenken, sondern ließ erst ab, als der Statthalter öffentlich seine Schuld bekannte und das Bestechungsgeld herausgab.

Solche Adler wollen wir werden, keine wegschauenden Duckmäuser!

Gebet:

Du bist der Fels Israels, wir aber lassen uns den Weg des geringsten Widerstandes treiben. Du willst uns als Adler, wie oft scharren wir als feige Hühner im Dreck unseres Wegschauens und unserer Lügen. Komm, und mache uns frei, Befreier aller Unterdrückten! Sei Du uns Mut und Kraft!

# 1 Abenteuer Advent

Advent 2020, ein kleines Virus wirkt als Brandbeschleuniger. Der Umbruch auf allen Ebenen wird Tag um Tag spürbarer. Altes verfliegt schneller, als wir schauen können. Fest geglaubtes verflüssigt sich unter unseren Händen. Was als betonhart galt, erweist sich honigweich. Es brodelt, blubbert und gärt allenthalben: gesellschaftlich, politisch, kirchlich, liturgisch. Sogar das wärmende Wort Advent, bisher assoziiert mit Kindheit, althergebrachten Bräuchen, Familie und Emotionen surft auf dieser Brandungswelle.

Ja, es bricht entzwei und siehe da: Neues glänzt unterm Alten!

In der frühen Christenheit gab es keinen „gezähmten Advent“, eingehegt auf vier Wochen im Jahr, geknebelt und mit der Trense gezügelt. Bis ins 4. Jahrhundert wurde nicht einmal ein Weihnachtsfest gefeiert, denn dieser Feiertag existierte schlicht nicht.

Die ungeheuere Dynamik der frühen Christenheit, ihre Frische und der Charme ihrer Begeisterung, die ansteckte, lag an einer ungeheuren Erwartung.

Sie lebten einen fortwährenden Advent. Die Erwartung eines alles umstürzenden Kommens war das Schwungrad, die innere Unruhe, der große Beweger.

Denn: Der Herr kommt! Bald!

Hier das bebende Gebet dieser Zeit der ersten Liebe: Mara natha! Komm! Komm bald, Herr!

Dieses Leben in der ständigen Erwartung Gottes, hatte schwerwiegende Folgen: Wenn er kommt, wird alles neu, umgestürzt, umgekrempelt wie ein Handschuh. Nichts was galt, nichts von dem was sich als Unverrückbar, gar „ewig“ ausgab, konnte sich dieser Erwartung entziehen: Nicht das scheinbar auf ewig bestehende Römische Reich, die damalige Supermacht. Nicht dessem göttliche Verehrung seiner Kaiser. Nicht die brutalen Verfolgungen. Nicht gesellschaftliche Über- oder Unterordnung in Sklaven und Herren. Kein Hohenpriester hier und gemeines Volk dort.

Alles, wirklich alles stand unter dem Vorbehalt: Wenn der Herr kommt, lösen sich alle alte Ordnungen auf.

Advent 2020: Da weht also ganz unversehens – statt den schweren Schwaden von Glühweinfusel, altem Pommesfett und verbrannter Billigfleischbratwurst – frischer Wind um unsere Nasen und durch unsere Gehirnwindungen.

Der Advent ein adventure. Advent als Abenteuer.

Denn was kommt, besser – wer kommt – wird umstürzen, was wir noch pflegen, hätscheln oder künstlich am Leben erhalten.

Mara natha: Ein gefährlicher Ruf. Wehe, wenn er kommt. Da wird uns Hören und Sehen vergehen…

Hörtipp: Bleibt alles anders (Herbert Grönemeyer)

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