Downloads. Impulse. Gebete

Downloads zu unseren Gottesdiensten:

Auf dieser Seite stellen wir die Abläufe und Impulse aus unseren Online Veranstaltungen zur Verfügung. Sie dürfen gerne als Anregungen weiterverbreitet werden.

Ostern 2020 Online – Unterlagen (StandUp, Gottesdienste)

Ostergottesdienst zum Herunterladen:

Unterlagen zum Palmsonntagsgottesdienst zum Herunterladen:

Online Gottesdienst vom 29.03.2020:

Den Ablauf des Gottesdienstes mit den Liedtexten aus der gezeigten Powerpoint:

Ablaufplan zum Nachfeiern als Hausgottesdienst und Impuls zum Evangelium (Lazaruserzählung):

Impulse auf dem Weg von Ostern zu Pfingsten

Hier präsentieren wir in lockerer Form verschiedene Impulse und Texte zum Nachdenken.

The Green Corner – Markus‘ Gedanken

Von unserem Vereinsmitglied Markus Grünling

#13 Supernova – Die Explosion des Geistes

Supernova – Ein einzelner, winziger Stern am unendlichen Firmament. Lichtjahre entfernt. Kollabierend durch sein eigenes Gewicht. Eine sich stetig steigernde Implosion. Unendliche Verdichtung der Atome, in immer weiteren Schockwellen zusammengepresst.Bis dann, ab einer gewissen Grenze, eine unglaubliche Explosion jene in sich zusammenstürzende Sonne mit unfassbarer Wucht auseinander reißt. Ihr strahlendes Gleißen überstrahlt das Firmament mit einem grellen Lichtblitz, der Jahrtausende nachhallt. Ein perfektes Bild für das unscheinbare Leben jenes Wanderrabbis aus Nazareth, dessen schmählicher Tod irgendwo in einem verlorenen Winkel des damaligen Römischen Imperiums bis heute unsere Nächte durchstrahlt. Diese Supernova feiern wie an Pfingsten: Sein Aushauchen am Kreuz. Jesu letzter lauter Schrei setzt ein für allemal jene Wucht frei, pure Energie, einen machtvollen Lichtblitz, der alle Grenzen spielend überwindet, Einengungen sprengt, über Kulturen, Sprache, Zeiten, Religionen hinweg Menschen sucht, die Neues wagen.Diese Lichtwucht Gottes, Ihr Hl. Geist, Sein Sturmbraus treibt uns immer wieder unerbittlich hinaus über jede denkbare Grenze.Zu Beginn – nie ohne schwere, inneren Kämpfe – über die Grenzen des Judentums hinein in den griechisch geprägten Raum des Mittelmeers. Hinein in römischen Mietskasernen,herunter in Katakomben, hin zu den Kleinen, Ausgegrenzten, Versklavten und Verlorenen.Dann – immer weiter – heraus aus den lateinisch geprägten Sprach- und Verhaltensmuster hin bis zu den letzten Winkeln der Erde.Weiter und weiter: Heraus aus alten antik-hierarchischen Machtgefügen, aus der Unterordnung von Frauen und Nicht-Kleriker, hin zu den anderen christlichen Konfessionen und weiter hinaus zu allen Religionen.Und ohne je inne zu halten hin zu allen Zweifelnden und Nicht-Glaubenden (was immer das auch heißen mag). Alle Traditionen sprengend. Jedwede heilige Ordung verlachend. Seine wilde Sturmbraut sucht das Leben statt die Asche. Wirkt im Heute, nicht im Gestern oder Vorgestern. Pocht auf Geschwisterlichkeit statt auf eine religiös verbrämte Hackordnung. Findet in allen Zeiten Kinder und Jugendliche, Frauen wie Männer, die sich aufbrechen lassen für das Neue, Unerhörte, noch nie Gesehene, Unerwartete.Ihr Lebensatem durchpulst alles Lebendige: Pflanzen, Tiere, Menschen.In jedem Einatmen: Du! In jedem Ausatmen: Er! In jeder Atempause: Sie! Wir leben,bewegen uns und sind in diesem alles umgreifendem Atemraum. Eingebunden in einem nie endenden Austausch, einer universellen Kommunion.Dieser Stille hauch, diese Supernova, dieser Sturm fegt weg was war, um Raum zu schaffen für das Unsagbare.Wer hat den Mut, um dies umstürzlerische Kraft zu bitten, die kein Stein unseres Lebenshauses auf dem anderen stehen lassen wird? Wer sehnt sich danach, alle seine Sicherheiten in der Flamme dieser Liebe verglühen zu sehen? Wer wird es wagen, mit all ihren Kräften danach zu rufen, aus jeglicher Geborgenheit vertrieben zu werden?Wer stellt das Segel seiner Sehnsucht so in den Orkan, dass seine Jolle zertrümmert und sie weggewirbelt wird, über alle Wolken hinaus? Wer wagt es das Feuer zu berühren?

Es brennen die Erde und der Sand. Tauch Dein Gesicht in den brennenden Sand und die Erde des Weges, denn wen die Liebe verwundete, der muss das Mal im Gesicht tragen, und die Narbe muss sichtbar sein. Lass die Narbe des Herzens sehen, denn an ihren leuchtenden Narben erkennt man, die den Weg der Liebe gehen.

(Rumi, 13.Jh.; islamischer Mystiker)

#12 Der offene Himmel – Jetzt nicht irgendwann…

Der offene Himmel – Vierzig Tage nach Ostern feiern wir Christi Himmelfahrt. Ein Fest, dem wohl die meisten mit offenem Mund gegenüberstehen. Kaum anders wie die Zwölf auf jenen kitschigen Gemälden, wo sie verdattert zwei (Käse-)Füßen anglotzen, die sacht in andere Sphären entschweben… Sogleich steht mir eine Karikatur vor Augen: Zwei Männer, der eine im schwarzen Anzug mit Fliege, der andere in einer hellen Mönchskutte. Der beleibte Möch deutet mit seinem rechten Zeigefinger nach oben. Auf dem zweiten Bild heben beide ihre spitze Nasen etwas höher, der Arm des Bruder zeigt ebenfalls stur weiter nach oben. Dann Bild jedoch weist der Geschäftsmann wie zur Antwort nach unten, ins Dunkel, dorthin, wo sich neben einem Gullideckel der Abgrund auftut…So überliefert es auch Lukas: „Weshalb schaut ihr nach oben?“ werden die JüngerInnen gefragt! Dort oben findet ihr ihn nicht! Vierzig wird aus der vier multipliziert mit zehn gebildet. Dabei steht die Zahl 4 für die Jahreszeiten oder die Himmelsrichtungen – also fürs Ganze, Umfassende, für die Welt und immer wieder symbolisch für das fließen der Zeit: 40 Tage Fasten, 40 Jahre in der Wüste….; die10 hingegen für die Fülle und das Abgeschlossene. Eine symbolische Zahl also. Darum wandern die Israeliten 40 Jahre durch die Wüste ins gelobte Land; deshalb bleibt Moses 40 Tage auf dem Berg Horeb oder Jesus 40 Tage fastend in der Wüste…Darum halten wir eine 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern hin, deshalb erscheint der Auferstandene 40 Tagen hindurch seinen JüngerInnen .Und jetzt? Wird Raum für Neues! Der Himmel – nicht irgendwo über, sondern mitten unter uns: Das Reich Gottes – die jüdische Umschreibung für Gott/ den Himmel – sagt Jesus, ist mitten unter euch, wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen vertreibe! Ähh, wo also nun, werdet ihr euch leise am Kopf kratzend fragen, wo soll er nun sein, der Himmel? Überall da, wo wir auf den Auferstandenen stoßen! Auf ihn, der uns jeden Tag neu, anders,überraschend, verborgen, unerwartet, frisch entgegenkommt. Sei es in dieser befreienden Begegnung; in jener heilsamen Berührung; bei diesem öffenden Gespräch, im jubilierenden Gesang der Vögel am Morgen, beim leuchtenden Untergang der Sonne am Abend, beim Aufgehen des glänzenden Mondes in der Nacht, an der Seite des ausgegrenzten Bruders, der verfolgten Schwester, der Entrechteten, Flüchtenden, Eingekerkerten, Abgedrängten, Vergessenen oder mundtot Gemachten…Beim Spiegeln des Himmels in einer schlammigen Pfütze, beim Durchatmen nach stickiger Zeit, beim Ablegen der Maske, beim Gebet wie beim Spiel, beim Essen oder auf dem Klo, beim Still-werden oder beim Tanz, bei der Trauer wie beim Fest…In der Krankheit wie im Gesund-sein, Daheim wie in der Ferne, im Engen wie in der Weite,im Scheitern wie im Erfolg, im Versagen wie im Gelingen, im Humor wie in der Tragik, in Schuld wie im Vergeben …Beim Ein- wie beim Ausatmen und in der Pause dazwischen: Überall seine Gegenwart, die jeder Beschreibung spottet.> Halt an, wo läufst Du hin? Der Himmel ist in Dir! Suchst Du ihn anderswo – Du fehlst ihn für und für!< , so Angelus Silesius. Mögen uns die Augen und das Herz übergehen vor seiner Nähe noch im Entlegenen, Zerbrochenen, Schmutzigen, ja Absurden…

#11 Auferstehung im >Hier und Jetzt< als Weg

Picture courtesy Lena Dolch

Es gibt nicht viele Länder, in denen der Ostermontag als Feiertag gilt. Um so mehr gilt, dieser Ausnahme unsere besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Denn darin zeigt sich:Ostern geht weiter. Ostern ist ein Prozess, ein Weg. Wie keine/r von uns Christ/in „ist“, sondern wir alle dabei sind, es zu versuchen oder zu werden, so ist es auch mit unseren Ostererfahrungen – wir sind und bleiben damit eingebunden in einen stetigen Prozess …Exakt davon schreibt Lukas im heutigen Emmausevangelium (Lk 24 ,13-35) einer der schönsten Ostererzählungen. Zwei befinden sich – voller Angst, Furcht und Verwirrung angesichts ihrer geplatzten Träume – auf der Flucht: Nur weg! Da kommt jemand dazu. Erhört zu, fragt nach. Drängt sich nicht auf. Als er weitergehen will, laden sie ihn ein. Und sind plötzlich selbst die Eingeladenen. Auf dem Weg, im gemeinsamen Gespräch, im aufmerksamen Zuhören, im Lesen der Schrift, im Brechen des Brotes, im brennenden Herz, in der Erzählgemeinschaft der Kirche– überall wird der Auferstandene als anwesend, als präsent erfahren. Zwei Details erstaunen: 1) Jesus versteckt sich. Die Jünger, die ihn doch persönlich gekannt haben, erkennen ihn nicht. Nach Ostern kann der Auferstandene uns in jedem Menschen, ja überall begegnen. 2) Er ist zwar gegenwärtig, aber dennoch nicht festzuhalten: Kaum haben sie ihn erkannt, da verschwindet er schon wieder. Seine Nähe wird niemals zum Besitz, zur Selbstverständlichkeit, zum Anspruch. Er zeigt sich uns, wann und wo er will und er entzieht sich uns ständig neu. Weshalb? Damit wir auf der Suche bleiben! So erzählen Markus und Matthäus davon, dass er uns voraus nach „Galiläa“ geht, also dahin wo seine Jünger herstammen. Im Normalen, Üblichen, im Einfachen, schlichten Leben, Arbeiten, Leiden wie Lachen will er sich uns zeigen – dürfen wir ihn zuversichtlich suchen. Lukas nennt die ersten Christen in seiner Apostelgeschichte aus eben diesem Grund „Leute des neuen Weges“. Johannes betont zum einen die Auferstehung im >Hier und Jetzt<, so bei der Erweckung des Lazarus, als Jesus formuliert: Ich bin die Auferstehung und das Leben und zwar schon heute und hier. Und zum anderen finden wir nach dem eigentlichen Abschluss seines Evangeliums im Kapitel 20 noch einmal im Kapitel 21 eine weitere Ostergeschichte, um damit auszudrücken, dass die Auferstehung nicht mit Ostern vorbei ist, sondern eine Erfahrung, welche durch die ganze Geschichte hindurch weitergeht! Nun gut, werdet ihr sagen, aber wo bitte soll ausgerechnet ich so etwas unglaublich unfassbares wie Auferstehung erfahren?? Das Wort Auferstehung stammt vom griechischen Wort „egeiren“, was nichts anderes als aufstehen bedeutet. Bei jedem morgendlichen Aufstehen: Eine kleine Auferstehungserfahrung! Beim Öffnen des Fensters zum Morgenkonzert der Vögel: Auferstehung! Beim Staunen über den vielfarbig-duftenden Aufstand der Blüten gegen das Wintergrau: Auferstehung! Beim Entdecken eines neuen Weges, nach zwanzig Jahren wohnen vor Ort: Auferstehung! Beim Feiern eines Weihnachtgottesdienstes in einer Friedhofskapelle; beim Morgengebet via Skype; beim Aufstehen für die Rechte der Geflüchteten und Unterdrückten; beim Einstehen für meine Bedürfnisse und Rechte; beim Einüben des Aufrechten Gangs gegenüber jedermann: All dies sind kleine/große Auferstehungsmomente. Deshalb wird Ostern 50 Tage (die Zahl der Fülle) bis Pfingsten gefeiert, damit dieses Fest ohne Ende sei! Wie wäre es also ein – reales oder virtuelles – Tagebuch anzulegen, um darin an jedem Abend eine persönliche Auferstehungserfahrung zu notieren?

#10 Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Joh 20,1-18)

Keine Ahnung wie ihr diese Nacht bzw. diesen Morgen verbracht habt. In der jüdischenZeitrechnung beginnt der neue Tag mit Sonnenuntergang. Deshalb treffen sich vieleChristen schon in der Nacht, entzünden ein Feuer und daran eine große Kerze und ziehenmit dem Licht dieser einzelnen Kerze hinein in die dunkle Kirche, in ein symbolischesGrab. Dann verteilt sich dies eine Licht in der Runde und erleuchtet so den ganzen Raum…Was braucht es da noch Worte? Damit folgen wir einem uralten Brauch, beginnend von denMenschen der Steinzeit, die über 30.000 Jahre in den Mutterschoß der Erde zogen, inHöhlen, um dort im Licht ihrer Fackeln die Wände mit magischen Bildern zu bemalen.Weiter hin zu den Ackerbauern, die etwas 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung ein riesigesKuppelgrab, Newgrange, so präzise erbauten, dass exakt zur Wintersonnenwende über einenSchlitz am Eingang ein einzelner Lichtstrahl die innere Grabkuppel erleuchtet.Mit diesem Ritus begeben wir uns einerseits auf archaische Spuren und feiern doch das ganzNeue: Ostern!Die Evangelien erzählen von verschiedenen Begegnungen mit dem Auferstandenen, die –wie auch immer wir sie uns im Einzelnen vorzustellen haben – sicher den äußeren Grunddafür abgaben, dass sich die JüngerInnen nach Jesu Tod nicht in alle Winde verstreuten.Vielleicht stellen wir uns dies Geschehen am Besten so vor, dass sich die Wucht des Lebensund Sterbens Jesu erst nach einiger Zeit Bahn endgültig brach im Herzen seinerNachfolgerInnen, so wie alle wirklich wichtigen Ereignisse im Leben Zeit brauchen,manchmal viel Zeit, um zu persönlichen Erfahrungen heranzureifen.Würde unser Glaube allein auf nachösterlichen Machttaten Gottes beruhen, so wäre einetiefe Spaltung des Gottesbildes in einerseits eine demütige, verschwenderische Liebe auf dem Weg nach ganz unten und andererseits einen Gott, der >nachträglich<, wie einschlechter Zauberer, in selbstgefälliger Pose, alles wieder gut macht, unumgänglich. Allzuleicht basiert auf diesem zweiten, verzerrten Gottesbild eine triumphalistische, sich selbst feiernde Kirche, die glaubt mit Pomp, Macht, Protz und Prunk den Gott Jesu Christi zu ehren, den sie doch gerade so verrät…Schauen wir etwa auf die heutige Bibelstelle, fällt als erstes auf, dass der „Wettlauf derJünger zum Grab“ eingerahmt wird von einer Erzählung über eine Frau. Na und, werdet ihr sagen. Aber in der damaligen Kultur war klar, Frauen war nicht zutrauen, sie hatten nichts zu sagen, auch im engen juristischen Sinn kein Recht etwas zu bezeugen. Die Umkehr, ja die Revolution, die wir notdürftig mit dem Wort ‚Auferstehung’bemänteln, lässt sich hieran ein wenig erahnen.Die Begegnung von Maria Magdala mit Jesus wird auf dem Hintergrund zweier Stellen desersten Testamentes skizziert: Zum einen der Paradiesgeschichte vom Garten Eden und zumanderen dem Hohelied der Liebe.Maria folgt ihrer Liebe noch ins Dunkel des Grabes hinein. Zweimal wird sie gefragt,warum sie weint. Und zweimal muss sie sich umwenden, muss sie umkehren, sich bewegen lassen, um ihren Meister zu erkennen, der leise ihren Namen flüstert: Maria!Auch sie, die große Liebende, benötigt ein doppeltes Angefragt-werden samt einerdoppelten Umkehrbewegung, um für den Anruf des Auferstandenen offen zu sein.Dann aber wird sie zur Erstverkünderin an die anderen Apostel, zur Apostolin der Apostel.Eine Frau! Dazu mit einem zweifelhaften Ruf…Wenn wir sehen, wie lange es gebraucht hat und noch immer braucht bis Frauen als Priesterinnen und Bischöfinnen akzeptiert wurden, dann spüren wir die Kraft, die Herausforderung wie das Lächeln, die sich an Ostern in uns entfalten wollen

#9 Erschrick nicht vor der Leere – in der Stille atmet ein Du

Bild: Courtesy Mabel Amber

Sich der Leere stellen, um ihr ein Lächeln zu entlocken …Der Karsamstag riecht nach Leere, ja nach dem Nichts. In der Liturgie wird nach dem Karfreitagsgottesdienst der Altar abgeräumt, der Tabernakel geöffnet, die Hostien an einen anderen Ort gebracht. Die Kirche: leer.Wer denkt dabei nicht an das Bild des Papstes, allein auf dem Petersplatz unter dem riesigen Baldachin, wie er den Segen ‚urbi et orbi‘ spendet – vor dem lauteren Nichts? In diesen Tagen des Coronavirus bleiben beim Pas-chafest die Synagogen, zu Ostern die Kirchen, über Ramadan die Moscheen leer – weltweit. Zum ersten mal überhaupt. Ein Bild,das bleiben wird. Ein gespenstisches Bild? Jedenfalls ein Bild, das zum Nachsinnen anregt. Automatisch, so will es scheinen, fliehen wir vor der Stille, ergreift uns eine beinahe animalische Panik vor dem Nichts. Am Karsamstag wird geputzt oder vorgekocht. DasRadio laut gedreht oder die Flimmerkiste angestellt. Die Gebetsmühlen klappern gelassen.Ja, es lässt sich auch prima in „religiöse Verrichtungen aller Art“ fliehen.Wovor eigentlich haben wir solche Angst? Was zeigt sich im Brunnen, wenn das Wasser darin ruhig wird? Wenn unsere Ängste, Sorgen, Befürchtungen still werden? Wir sehen uns selbst. Wie wir sind. Das kann härter sein, als gedacht. Aber in diesem ‚inneren Raum‘ zeigt sich noch anderes:Im Raum der Stille wächst das Niedergedrückte hier ein Halm Hoffnung dort ein Büschel Zuversicht Im Raum des Schweigens beginnt das Stumme zu sprechen Dinge, Pflanzen, Tiere einfache, klare Sprache im raum des Nichts atmet ein Du Angesicht des Nichts dämmert in uns eine Frage. Wo mag denn nun jener beschworene Strom von Gottes verschwendungssüchtiger Liebe hingesickert sein? Auf den ersten Blick erscheint nur Öde, ausgetrocknete Wadis, Wüste, so weit das Auge reicht.Nach längerem Lauschen hallt etwas wie ein fernes Rauschen, als ob ein Strom in karstiger Landschaft unterirdisch weiterfließt, um an anderer Stelle um so kräftiger, geklärter und erfrischender an die Oberfläche zu schießen …Gottes Liebe ergießt sich durch den Tod Jesu hinab in „das Reich der Todes“, den ‚Hades‘,das Schattenreich der Toten. Auch dort, am dunkelsten Ort erstrahlt nun seine Gegenwart. Die Kirchen des Ostens haben das klar erfasst. Ihre „Auferstehungsikone“ zeigt, wie Jesus die Pforten der Unterwelt zerbricht, Eva und Adam an den Händen fasst und zusammen mit allen Mütter und Väter des Glaubens aus dem Finstern ans Licht tanzt.So erweist sich der Karsamstag, der Tag der Leere und des Nichts, als der eigentlich entscheidende Tag:

Im Nichts-tun, in der Passivität geschieht das Unerwartete. So wie es Theresa von Avila erfahren hat: „Das Nichts erschrecke und verwirre dich nicht,wer auf Gott lauscht, dem wandelt sich das Nichts zur Fülle.“

Theresa von Avila

#8 Der heruntergekommene Gott

Am Karfreitag spitzt sich die Bewegung der Liebe Gottes, seine Entäußerung (‚Kenosis‘) aufs Äußerste, wenn wir uns ehrlich gegenüber bleiben, aufs Unerträglichste zu. Ein Weg vom Gott-sein zur Mensch-werdung, herab zum Diener und Sklaven aller bis hinunter ins Allerletzte: Ein nackter, verlassener und geschundener Leib am Kreuz. Vielleicht haben wir uns schon zu sehr an diesen Skandal gewöhnt, jedenfalls hat es beinahe vierhundert Jahre gedauert, bis sich die Christen getraut haben (nach der Aufhebung der Todesstrafe durch Kreuzigung unter Kaiser Theodosius) ein Kreuz auch nur abzubilden. Passend dazu findet sich als erste bekannte Darstellung eines christlichen Kreuzes ein Schmähgraffito in einer römischen Mietskaserne aus dem 2. Jahrhundert. Man sieht darauf eine Gestalt mit Eselskopf am Kreuz und darunter hingekritzelt: Dies ist der Gott, den Alexamenos verehrt! Was aber zeigt sich uns im Bild des Gekreuzigten?Wir erblicken zum einen das Angesicht jenes Gottes, der sich aus verschwenderischer Liebe zu uns für nichts zu schade ist, auch nicht für den untersten Platz, angespuckt, verhöhnt, gefoltert, ausgegrenzt, nackt außerhalb der Stadt hängend, jedem zudringlichen Blick unbarmherzig ausgesetzt. Wir erblicken zugleich unser Antlitz: Eine Freiheit, die sich immer wieder jener Liebe verweigert, die uns gütig, geduldig, barmherzig und unendlich behutsam entgegenkommt, um uns zum Leben zu befreien. Wir aber bleiben lieber in dem vertrauten Gefängnis unserer Angst, als uns hinauszutrauen ins Freie, was zwar durchaus verlockend, aber eben vor allem unbekannt und darum gefährlich wirkt. Wenn wir geduldig hinschauen, zeigt sich im Gesicht und Körper dieses hingegebenen Menschen eine ganze Welt: unsere Erbärmlichkeit, Gottes Liebe und die Gewissheit, dass in jeder noch so abgrundtiefen Dunkelheit und Verlassenheit jemand mit uns geht. Suchen wir dafür einen stimmigen Ausdruck in der Kunst, so werden wir an die romanischen Kruzifixe erinnert, etwa an das Gero-Kreuz im Kölner Dom, die älteste erhaltene Vollplastik eines Gekreuzigten überhaupt. (um das Jahr 970 entstanden. Solltet ihr mal dort sein: Anschauen – zusammen mit dem Richterfenster!) Dort sehen wir einen realistisch dargestellten, lebensgroßen Toten: Der Körper hängt schlaff in sich zusammengesackt vom Kreuz, der Bauch wölbt sich kugelhaft nach vorn, die Augen  sind zugefallen, die Haare vom Schweiß des Todeskampfes strähnig verklebt. Dafür wirken die Arme dieser über 1000 Jahre alten Skulptur wie Flügel, sie sind nach oben gebreitet, als wolle sie eben wie ein Vogel davonfliegen. Die Seitenwunde ist unter der linken Achselhöhle verborgen, so dass der Leib unversehrt, seine Haltung ungebrochen, ja königlich wirkt. Damit wird jeder/jedem überdeutlich vor Augen geführt: In diesem Tod blüht das Leben, dieser Gekreuzigte ist der Grund unser aller Hoffnung. Der Karfreitag braucht keine „nachträgliche“ Machttat Gottes. In diesem Leben, Leiden und Sterben Jesu ist ein für allemal alles gesagt. So erzählen es auch alle Evangelisten: Bei Markus erkennt der römische Hauptmann (ein Heide!) im Moment des Sterbens Jesu als den Sohn Gottes, bei Matthäus öffnen sich beim Sterben Jesu die Gräber; bei Lukas reißt der (das Innerste trennende) Vorhang des Tempels entzwei und bei Johannes stirbt Jesu im Moment seiner „Erhöhung“ mit den Worten „ Es ist vollbracht“. Wer Augen hat zu sehen, der kann im Leben und Sterben Jesu jene demütige Liebe Gottes erkennen, die all unsere Vorstellungen umstürzt, die jegliche Finsternis durchglimmt.

#7 Im Auge des Orkans der göttlichen Liebe

Mit diesem Tag sind wir endgültig in der Herzkammer christlichen Glaubens angelangt, im Zentrum des Orkans göttlicher Liebe, die immer neu unser Verstehen-wollen auf den Kopf stellt. Dabei spiegeln sich die drei Tage – Gründonnerstag, Karfreitag und der Karsamstag mit der Osternacht – ineinander, gehören unauflöslich zusammen, werden als ein einziger durchgehender Gottesdienst begangen. Sie sind also nicht nur die ‚zwei Seiten eine Medaille‘, sondern zeigen uns „dreidimensional“ die Länge, Höhe und Breite von Gottes umstürzender Liebe (s. Eph 3, 18). Drei Texte werden uns heute zur Betrachtung vorgelegt, die sich ebenso wie die „drei heiligen Tage“ aufeinander beziehen und ineinander spiegeln: Aus dem Buch Exodus die Anweisung zur Feier des Pas-chamahles (Ex 12, 1-8, 11-14); dann den ältesten Bericht über das Abendmahl im Neuen Testament von Paulus (1 Kor 11, 23 – 26) sowie die Erzählung über die Fußwaschung bei Johannes (Joh 13, 1-15). Wir alle stehen als Christen auf den Schultern unserer >älteren Geschwister im Glauben<, den Jüdinnen und Juden, die bis heute treu und unverbrüchlich das Pas-chafest feiern. Angesichts einer ständig zunehmenden Zahl von antisemitischen Straftaten in Deutschland müsste uns allen die Schamröte ins Gesicht geschrieben sein. Genau heute vor 75 Jahren, am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer ermordet, der sagte: „Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht gregorianisch singen!“ Er hat mit vielen anderen im Widerstand gegen Hitler sein Leben hingegeben, damit wir in einem anderen, freien Deutschland leben können… Wie weit sind wir schon wieder gekommen? Wo bleibt der Aufschrei der Kirchen, der Politiker, aller Deutschen?? Bei Paulus finden wir in diesem zentralen Text so deutlich wie selten sonst das Zusammenspiel von empfangen, überliefern und ausliefern, zwischen Tradition, Übergabe und Verrat also. Im Johannesevangelium überrascht uns bis heute, dass darin nichts direkt (siehe Kapitel 6!) vom Abendmahl berichtet wird. Stattdessen sehen wir vor unseren Augen die Szene der Fußwaschung. Und ja, sie kommt uns bekannt vor. Wurden nicht seine Füße von einer Frau gesalbt? Nun wäscht er seinen JüngerInnen die Füße, ein klassischer Sklavendienst. Gott wäscht uns die Füße, nicht den Kopf. Wir dürfen, können, müssen ihn unten suchen, nicht irgendwo abgehoben oberhalb unseres Verstehens. Noch einmal, zu Beginn, als Ouvertüre, als Schlüssel zum Geheimnis unserer Glaubens sehen wir eine zärtliche Berührung: Eine Hochschätzung des Leibes die Wichtigkeit unseres Körpers, denn Gott wird Mensch, also Leib! Und in eins damit Gottes verschwenderische, demütige, stille Liebe. Allen zwölf werden die Füße gewaschen, auch die des Judas. Das will uns sagen, selbst jene Anteile an uns, die wir nicht mögen, die wir nicht ansehen können oder/wollen,  sind von Gottes zärtlicher Liebe umspült, umspielt, ja gemocht.

Hingebende, verschwenderische, alles umstürzende Liebe zusammen mit einer stetig dichter werdenden Körperlichkeit bilden die Eintrittstür ins innerste Geheimnis Gottes.

In diesem Jahr nun bleiben die Kirchen weltweit, zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums leer. Ein Bild für die Leere manch‘ überkommener Lehre? Eine uns überdeutlich vor Augen geführte Vision der Zukunft? Oder ist es gar Christus selbst, der aus unseren Kirchen, Konfessionen, Engführungen auszieht hin zu den Menschen?

Wie auch immer, es ist eine Herausforderung, ein Anlass zum Nachsinnen, eine Erfahrung, die uns und den Kirchen bleiben und sie mit uns verändern wird, so viel ist sicher. Am Abend dieses Tages gehen die Feiern über in eine ‚Nacht des Gebets‘ in Erinnerung an Jesu Nacht im Garten Gethsemani.

#6 Die Hingabe wird physisch – Gott rückt uns auf den Pelz

Jes50, 4-9a und Mt 26, 14 – 25.

Im Jesajabuch wird vom Misserfolg berichtet, vom Scheitern, von einer abgrundtiefen Verlassenheit und dennoch von einer unerfindlichen Geborgenheit. Zwar ist der >Gottesknecht< erfolglos, verachtet und bespuckt, aber er weiß dennoch – oder sogar gerade so („Erfolg ist keiner der Namen Gottes“, sagt Martin Buber), um die bergende Nähe und den Schutz seines Gottes.Im Evangelium finden wir die Erzählung über das Mahl eingerahmt von der Überlieferung des Judas: Der Preis für Jesus beträgt 30 Silberlinge, den Preis für einen Sklaven. Erinnerung an die Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern verkauft und eben damit in Gottes Plan seinen Platz erhalten hat. (Gen 37, 28)Am Ende der Perikope wird Jesus ein hartes Wort über Judas in den Mund gelegt, das gerade bei Matthäus scharf im Kontrast steht zu Jesu Wort in der Bergpredigt: Ihr sollt auch eure Feinde lieben. Wir sehen daran, wie schon die ersten Christen damit kämpften, dass einer der ihren, ja einer der Zwölf an der Überlieferung Jesu maßgeblich beteiligt war  (und wir es alle immer noch und immer wieder –  so wir uns nichts vormachen – sind). Zum ersten mal fällt in diesem Text das Wort „Pas-cha Mahl“.

Das Opfern von Lämmern und das Versprengen ihres Blutes stammen aus einem uralten Nomadenritus zum Weidewechsel im Frühjahr. Israel hat dieses Fest umgedeutet auf die Befreiung aus Ägypten und den Durchzug durch das Rote Meer. Die alles bestimmende Grunderfahrung Israels mit seinem Gott: Er führt uns hinaus in die Freiheit! Ein zyklisches Jahresfest erhält damit einen geschichtlichen Charakter. Der ewige Kreislauf des immer gleichen wird aufgebrochen hin zur Geschichte: Es gibt Neues, weil Gott der Befreier aus Altem ist! Nun deutet Jesus dieses Mahl auf sich: Er ist das Lamm Gottes. Die Worte: Da ist „mein Fleisch“ , das ist „mein Blut“ bedeuten im Hebräischen schlicht: Das bin ich für euch. Wer dieses Mahl feiern, begeht bis heute die Erinnerung an Jesu Tod und Auferstehung. Der Rahmen – die Überlieferung durch seinen Apostel Judas – gewinnt so noch eine andere Sichtweise, indem Jesus sich im Essen des geteilten Brotes und im Trinken des gekelterten Weines selbst hingibt. Eine freiwillige Hingabe innerhalb dieser äußeren Auslieferung. Wieder also die verschwendende Liebe, die ein bleibendes Zeichen setzt und die immer dichter werdende Körperlichkeit, Leibhaftigkeit: „Wir können, dürfen, sollen in diesem Mahl >Gott symbolisch in uns hineinessen<“ Er rückt uns damit nicht nur auf den Pelz, sondern unter die Haut. So jedenfalls haben es die frühen Christen verstanden, die sich Sonntag um Sonntag um diesen Mahl herum geschart haben, weil sie ihn in dieser Mahlfeier ganz dicht, nah und präsent erlebt haben.Und wir heute? 2020 im Coronajahr? Ohne gemeinschaftliche Gottesdienste? Sind wir also von dieser Mahlgemeinschaft ausgeschlossen?Mitnichten: Jedes geteilte Stück Brot, jedes miteinander essen, jedes Mahl halten trägt in sich dies Geheimnis. Zeigt uns, dass wir voneinander leben. Von Pflanzen oder Tieren und so ganz dicht mit allen Lebewesen vernetzt sind, tiefer als wir es wohl meist ahnen.

P.S.: Es bleibt eine bittere Ironie der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet dieses Zeichen der Einheit, das Abendmahl Jesu, bis heute benutzt wird, um Kirchentrennungen aufrecht zu erhalten, obwohl theologisch das allermeiste schon lange geklärt ist!

#5 Hingabe

Mit jedem Schritt weiter hinein in diese Karwoche werden wir tiefer hineingezogen in den unentwirrbaren Wirbel aus Gottes sich selbst verschwendender Liebe und der Angst des Menschen – Deiner wie meiner Angst – vor eben jener, eigentlich ersehnten Liebe, die uns aber wie in einem Spiegel, unsere eigene Unfreiheit, Verkrümmung, unsere Uneigentlichkeit und Angstverfallenheit sehen lässt. Wie automatisch reagieren wir auf so eine uneingeschränkten Liebe mit Abwehr, mit Zurückstoßung, ja mit Vernichtung.Heute finden wir uns wieder in einer Mahlszene, einem Essen samt enger körperlicher, leibhafter Nähe. Der Lieblingsjünger ruht an der Brust seines Meisters (siehe dazu die wunderbare Skulptur aus Lindenholz: die Johannesminne!), es wird Brot in eine Schüssel getunkt, kommuniziert mit einem leichten Kopfnicken.Aber oder besser und? auch in dieser anscheinend so intim-freundschaftlichen Runde öffnet sich der Riss, von dem oben gesprochen wurde. Einer von den Zwölf, also einer der von Jesus selbst ausgesuchten Apostel, beginnt mit dessen Überlieferung. Es gibt im griechischen ein einziges Wort dafür >paradidomai<, das in seiner Bedeutung dieses Spektrum abdeckt: ausliefern, überliefern, hingeben und verraten. Jesus selbst reagiert auf die Überlieferung durch Judas beinahe „systemisch“: Er fragt nicht nach dem warum, sondern nach dem wozu: Durch diese Überlieferung wird sich Gottes Liebe bis zum Äußersten erweisen. Zudem fällt auf: Nicht Judas allein, sondern ebenso Petrus, ja alle Jünger, will sagen alle Kirchen verraten/überliefern immer wieder neu ihre eigene Mitte, überlassen Jesus sich selbst. Anderes erweist sich durch die Zeiten scheinbar immer wieder als stärker: Das Streben nach Macht, Geld und Herrschaft, die Angst vor einem Leben in Freiheit. Blicken wir auf Jesus, so sehen wir, wie bewusst, freiwillig und aus Liebe er diesen äußersten Weg der Selbsthingabe geht. Auf der einen Seite wird er dabei immer einsamer, aber er bleibt dennoch geborgen „all-ein“, in jener schwer umschreibbaren Nähe zu seinem Vater, die ihn durchträgt. Was allerdings weder Erschütterung noch Angst oder Furcht ausschließt. Er ist wohl geborgen, aber eben gerade nicht „souverän“, unerschütterlich oder unberührbar. Wenn wir uns fragen, warum Jesus diesen Weg gegangen ist/ geführt wurde/ gehen musste, so liegt das sicher nicht an einer Person (dem Apostel Judas) oder gar jenem Personenkreis (etwa den Schriftgelehrten oder Pharisäern). Wir wissen wie viel Unheil diese Suche nach greifbaren Sündenböcken angerichtet hat. Es liegt vielmehr daran, dass Gottes Liebe an der sich verweigernden Freiheit jedes einzelnen von uns zerschellt. Der einzig verbleibende Weg diese überströmende Liebe zu zeigen, zu erweisen öffnet sich in der bewussten und freiwilligen Hingabe seines Lebens für eben jene, die diese verschwenderische und befreiende Liebe ängstlich ablehnen.

#4 Potlach: Das Maß heißt Verschwendung! oder: warum Liebe nur dann Liebe ist, wenn sie verschwenderisch ist

Am Montag der Karwoche finden wir neben dem Gottesknechtslied aus Jesaja 42, 5a, 1-7, einem „Spitzenerzeugnis jüdischer Theologie“, eine Szene absoluten Verschwendung bei Johannes: Maria (bzw. in anderen Evangelien eine Frau mit eindeutigem Ruf) salbt Jesus. Was will uns das sagen, genau heute, zu Beginn dieser Woche? Die kommenden Tage haben vor allem etwas mit Verschwendung zu tun, mit überbordender Liebe, die weder zählt noch rechnet, die nichts zurückhält, die weder auf Sicherheit, noch auf Stolz oder Würde pocht. Pure, reine Verschwendung: Wie der blühende Baum draußen vor unserer Tür, prall, barock, über und über mit abertausenden Blüten geschmückt, auch wenn über Nacht der Frost kommen sollte. Wie die Mutter, die alles für ihr Kind tut. Wie jede Liebende, der sein letztes Hemd hergibt, damit es dem Geliebten gut geht.
Oder wie jene Indianer im Nordwesten Kanadas, bei denen der Häuptling als angesehen galt, der mehr zu verschenken, ja zu verschwenden bereit war, als der andere. Potlach nennt sich dieser Brauch, der übrigens bis heute verboten ist, zum einen um die Ureinwohner zu demütigen, aber vor allem, weil die puritanischen Christen nichts so wenig sehen, verstehen oder gar billigen konnten, wie die pure Verschwendung.

Der eine Schlüssel, so die Bibel, zur Passion ist also >reine Verschwendung<. Das andere was bei der Erzählung ins Auge fällt, ist die skandalöse Nähe dieser Frau zu Jesus. Körperliche, leibliche Nähe. Für die damalige Kultur unfassbar und also kein Wunder, dass sofort Einwände kommen: Sei es von den Machtheologen (Pharisäern und Schriftgelehrten) oder von den Jüngern selbst: Weiß er nicht, was das für eine ist? bzw. Hätte man das Geld nicht anders verwenden können, ja müssen? Beides Einwürfe angesichts einer verschwenderischen Liebe … Der zweite Schlüssel zur Passion findet sich also in der Körperlichkeit, in der Leiblichkeit. Liebe zeigt sich vor allem darin. In Berührungen, Nähe, Blicken, gemeinsamem Essen … Hier sehen wir eine überbordende Zärtlichkeit, die Jesus auf die Haut rückt, ihn zum Messias salbt (übrigens und nur am Rande: Hier liegt die biblische Begründung für das Priestertum der Frau), bald werden sich andere Zeichen in seine Haut einritzen. Aber ist ihre Geste nicht umsonst? Hilflos angesichts der sich zusammenbrauenden Gewalt? Nutzlos, wie so vieles (ja alles?), was wir zu tun vermögen, gegen das Unrecht in unserer Welt, mehr noch: Verloren, ja lächerlich absurd angesichts seines kommenden schrecklichen Todes? Nein und nochmals Nein! Niemals ist eine Geste, und sei sie noch so klein, ein Zeichen der verschwenderischen Liebe verloren. Deshalb wird diese Geschichte bis heute erzählt. Mir fällt die Försterin im Ruheforst Dudenhofen ein. Wir hatten einen jungen Mann zu bestatten, einen Bräutigam, den ich vor 4 Jahren getraut hatte. Er und seine Frau haben ein einjähriges Kind… Viele Freunde waren gekommen, wir erzählten allerlei Geschichten von seiner profilierten Persönlichkeit, hin und hergerissen zwischen Lachen und Weinen. Dann kam die Försterin, nahm die Urne und ging gemessenen Schrittes voran zu seinem Baumgrab. Als sie eben losging, stand neben ihr die Frau des Toten. In der einen Hand hielt sie die Urne, um mit ihrer anderen Hand die Frau tröstend zu umarmen. Nicht als eine kleine Geste. Dazu noch von einer „unbeteiligten Frau“, die nur ihren Job machte. Aber wie kann Trost je anders, dichter oder wärmer aussehen?

#3 Palmsonntagsgedanken – Sei kein Esel !

Mit dem Palmen-Sonntag treten wir über die Schwelle, hinein in die Karwoche, hinüber ins Eigentliche, ins „Eingemachte“… Das Wort >Hexe< stammt vom altdeutschen „hagazissa“= die auf dem Haag, der Hecke sitzt. Auf jenem Grenzbereich also, der das Kulturland, die bebaute Landschaft, das Dorf oder die Stadt trennt vom Wilden, Ursprünglichen, unberechenbar-Gefährlichen. Der Palmsonntag ist das Vorzeichen für das Kommende, ein Notenschlüssel, ohne den sich das Kommende nicht in der Tiefe erfassen lässt.

Bei Markus, dem ältesten der vier Evangelien, findet sich die Erzählung vom blinden Bartimäus als Schlüsselstelle vor der Passionsgeschichte. Eine ebenso hintersinnige wie kritische Geschichte: Da sind die Jünger, die sich als Hindernis zwischen dem Hilfesuchenden und Jesus herausstellen. Eine Kirche, die sich allein um sich selbst dreht, ihre Organisation, ihren Einfluss, ihre Macht, ihr Geld. Da ist der Ausgegrenzte, Blinde, der mehrmals laut schreien muss, um sich Gehör zu verschaffen. Und die Pointe der Erzählung: Der Blinde ist der einzig Sehende, alle anscheinend Sehenden aber, sind die wirklich Blinden.

Wer also das Kommende verstehen will, der muss sich die Augen öffnen lassen, weil sich hier nie Gesehenes, nie Gehörtes, regelrecht Unerhörtes abspielen wird…In der Erzählung von Jesu Einzug in Jerusalem, finden wir ähnliche Elemente. Zum einen fällt auf, wie die Jünger auf sein Reittier stoßen: Es steht einfach schon bereit da. Vergessen wir nicht, dass die Evangelien und all die Geschichten darin, aus der Perspektive von Ostern her erzählt werden. Im Nachhinein also, fügt sich alles so, als hätte es genau so und nicht anders kommen müssen. Und dann der Esel. Er ist der eigentliche Schlüssel, der uns das Tor hin zur Karwoche aufzuschließen vermag. Jesus reitet in „seine“ Stadt hinein auf einem Esel. Wenn wir uns das Bild plastisch vor Augen stellen, können wir ein Lächeln nur schwer unterdrücken. Und ja, alles was folgt, lässt sich ohne einen Hauch Humor, Ironie, ohne den Anschein einer Tragödie wohl nicht richtig erfassen. Wie solle es auch je anders sein, wenn Menschliches und Göttliches sich nahekommen?

Der Esel also, der stinkt, seine Ohren hin und herdreht oder schlapp fallen lässt, der eigenwillig seinen ganz eigenen Weg gehen will. Nein, so zieht kein König ein. Kein stolzer Rappe, kein fahler Schimmel, kein herrscherlicher Blick von oben herab, vielmehr ein Blick auf Augenhöhe. Dir und mir direkt in die Augen.

Matthäus schmückt die Szene mit jubelnden Leuten aus. Wir wissen, wie schnell ihr Rufe vom „Hosianna „zum „Kreuzige ihn!“ hinüberwechseln.

Weshalb? Weil Gott in seinem Kommen immer wieder, immer neu alle unsere Erwartungen ent-täuscht, ent-täuschen muss, damit wir ihm und nicht uns selbst begegnen.

Erwachsen glauben, sich lösen von den Mustern eines kindlichen Glaubens, sich befreien vom Rahmen einer festgefügten Tradition, von jeglichem „das war doch schon immer so!“, die eigenen festgefahrenen Überzeugungen „Gott hat so und so zu sein“ umwandeln zu lassen in die Frage Gottes an mich „Wer bist Du?“, das ist die Herausforderung der kommenden Tage.

In diesen sehr besonderen Tagen, wo wir keine gemeinsamen Gottesdienst werden feiern können, wird sich dieser sehr besondere Gott auf seine Weise zeigen: Ungewohnt, unüblich, im Ausgegrenzten, Ungewöhnlichen, im Absurden oder schmutzig Übersehbaren.

Seien wir also keine Esel, sondern spitzen wir die Augen und Ohren …

#2 Ein Psalm – ungewöhnlich und frisch

Psalm 23 uf badisch:

Uner de Dusch Du alloi bisch mei Lied, scho am frühe Morge, uner de Dusch pfeif i auf dich- un alla, glei geht’s besser.

Fettes Griin isch dei Lieblingsfarb,un zamme mit dir dans i, wie en Lumb am Stägge. A wenn mer’s mol so richtich dreckich geht, un i kai Licht mehr seh am End vom Tunnel – na un? Do pfeif i druf!

Du bisch bei mer, schtärksch mer de Rigge, damit i net umknigg. Du ladsch mich ei, haim zu dir, au, wenn alle annere mir ans Bei‘ brunse wolle.

Du empfängsch mich, wie en Könich. Do biege sich die Platte und die Humbe laufe üba.Du bleibsch mei Freind, was a passiert,drum grins i so brait wie e Honigkuchepfärd.

#1 Ein Buchtipp: Neil MacGregor – Leben mit den Göttern:

„Wir beginnen damit, dass wir uns im Namen des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes bekreuzigen. Damit stellen wir uns in Christus hinein. Christus ist niemand, an den man sich wendet, er ist jemand, den man bewohnt, in dem man zu Hause ist.

Wichtig ist anschließend, dass unser Körper gut platziert ist. Wir sind Lebewesen, vernunftbegabte Tiere, und deshalb ist es wichtig, dass unser Körper, wenn wir beten wollen, fest verankert ist, gut sitzt, ruhig atmet.

Wenn man theologische Schriften liest, klingt das oft furchtbar abstrakt. In Wirklichkeit geht es darum, uns wieder zu erden, uns auf unseren physischen Körper, wie er lebt und atmet einzulassen.“

Neil Mac Gregor – Leben mit den Göttern C.H. Beck, 2018
EAN 9783406725425

Ein fantastisches Buch, gut zu lesen, toll geschrieben und unglaublich bebildert. Darin wird von Ikonen erzählt, von der Macht des Gesangs, der die evangelischen Kirchen zusammenhält, von archaischen Religionen, Schamanismus bin hin zu den großen Weltreligionen. Überall geht es um die Erzählungen, welche die Glaubens- und damit unsere Lebenspraxis bestimmen.Alles dreht sich um die eine Frage: Finden wir eine universelle Erzählung, in der alle ihren Platz finden, in der niemand ausgegrenzt wird?

Ein wichtiges, berührendes, spannendes, kluges, humorvolles und gut zu lesendes Buch.Für jene, die nun eher Zeit zum Lesen finden (während manch‘ andere nun noch mehr Antrieb zum Arbeiten erkennen).

                             Euch allen Mut zur Unterbrechung und bleibt gesund

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